Ein halbes Jahrhundert vor Ikea

Porträt Richard Riemerschmid, um 1910
Germanisches Nationalmuseum

Anlässlich des 150. Geburtstags von Richard Riemerschmid (1868 – 1957) präsentiert das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg jetzt einige seiner Wohnentwürfe. Der Architekt, Designer und Hochschullehrer hatte die Idee, die Herstellung zu automatisieren, um Möbel kostengünstig anbieten zu können. Nicht nur das gehobene Bürgertum, sondern auch die breite Masse sollte in den klaren Formen des eleganten Jugendstils leben können.

Im Jahr 1900 schrieb eine Nürnberger Stiftung einen Wettbewerb aus: eine Einrichtung für einen Wohnraum von 16 qm Größe zu entwerfen, dessen Kosten 350 Mark nicht überstiegen. 

Riemerschmid überzeugte durch einfache Eleganz: Das sogenannte ‘Nürnberger Zimmer’ mit Tisch, zwei Stühlen, Büfett-Schrank und Kommode begeisterte die Kunstwelt. Den Kunden aber waren die Möbel zu schlicht, zu nackt und besaßen zu wenig Dekor. Sie verkauften sich schlecht, aber Riemerschmid hatte seinen Berufung gefunden: ansprechendes Wohndesign in reduzierter Formensprache zu bezahlbaren Preisen.

Ausstellungsansicht auf das sogenannte „Nürnberger Zimmer“, 1900, Einrichtungsensemble handgefertigter Möbel, die Riemerschmid für einen Wettbewerb entwarf, Tisch mit zwei Stühlen, Kommode, Nähtisch und Büfett, Entwurf: Richard Riemerschmid, 1900 / Ausführung: J. Fleischauer’s Söhne, Nürnberg, 1900, Leihgabe des Museums Industriekultur, Nürnberg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Ausstellungsansicht des Junggesellenzimmers aus dem Maschinenmöbel-Programm, 1906, Bett, Nachttisch, Schrank und Bücherregal, Entwurf: Richard Riemerschmid, 1906 
Ausführung: Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst, Hellerau, um 1910, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Eine Zimmereinrichtung von 1906 zeigt exemplarisch, wie ihm das gelang. Das Junggesellenzimmer mit Bett, Nachtschränkchen, Kleiderschrank und Bücherregal ist eigens für die maschinelle Produktion konzipiert: Teile wurden automatisiert gefertigt und konnten auch nur teilmontiert erworben werden. Mit geringem handwerklichen Geschick – so wurde geworben – sollte jeder Kunde in der Lage sein, seine Möbel zu Hause fertig zusammen zu bauen. Anklang fanden solche Ideen vor allem in der Gartenstadt-Bewegung, der auch Riemerschmid anhing. Ihr Ziel war, bezahlbaren Wohnraum für Arbeiterfamilien in der Nähe des Arbeitsplatzes zu schaffen. Ein Garten zur Selbstversorgung gehörte selbstredend dazu. Diese neuen Reihenhäuser mit einer Grundfläche von durchschnittlich 50 bis 75 qm boten keinen Platz für wuchtige Schränke. Dunkles Holz und reichlich Dekor ließen Zimmer zudem kleiner erscheinen. Riemerschmids helle Möbel passten dagegen genau und nutzten den wenigen Platz optimal. 

Signet Richard Riemerschmids, Detail von einem Schreibtisch für ein Damenzimmer, 1904, Messing, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Richard Riemerschmid gilt als einer der bedeutendsten deutschen Jugendstil-Künstler. Auf der anderen Seite ging er mit seinen Ideen zu sozialen Wohn- und Lebensverhältnissen weit über die Vorstellungen des Jugendstils hinaus. Seine Ideen wurden wegweisend für Schulen wie das Bauhaus, an denen die Entwicklung ansprechender und funktionaler Designobjekte zu bezahlbaren Preisen gelehrt wurde.

Die Schau ist bis zum 6. Januar 2019 zu sehen.

Text: GNM / repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung vom Germanischen Nationalmuseum

Informationen: www.gnm.de

Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1 (Eingang), 90402 Nürnberg

Telefon: 0911 / 13 31-0

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr

Eintritt: 8 Euro

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:
Eigenverlag des GNM
10 Euro (Museumspreis)

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