Der ‚Wäp-Wäp‘ – ein Rätsel der Forschung?

Ein Brettchen, Weidenzweige - der Rest ist Phantasie. Fertig ist die 'Tunschere'!
Ein Brettchen, Weidenzweige – der Rest ist Phantasie. Fertig ist die ‚Tunschere‘!

Woher kommt der ‚Wäp-Wäp‘? Was bedeutet dieser kuriose Brauch und sein ulkiger Name? Woher stammt die Sitte, Nachbarn, Bekannten oder Geliebten ein geschmücktes Holzbrettchen ins Haus zu schleudern und dann so zu tun, als wollte man weglaufen?

Wo fangt man an bei der Suche nach den Hintergründen eines alten Volksbrauches, der aber anscheinend nirgends mehr bekannt ist? Da sollten doch die professionellen Volkskundler vielleicht bewandert sein. Also habe ich mich an die einschlägigen Institute der regional in Frage kommenden Universitäten gewandt. Das sind Bremen, Münster und Oldenburg.

Aus Bremen antwortet mir der freundliche Pressesprecher: Leider ist das Thema dort unbekannt. In Oldenburg sind meine E-Mails vermutlich im Spam-Filter hängen geblieben; jedenfalls habe ich gar keine Antwort bekommen. Wohl aber aus Münster! Frau Professor Dr. Elisabeth Timm, Direktorin des Seminars für Volkskunde und Europäische Ethnologie gibt mir einen wertvollen Hinweis: die Volkskundliche Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) könne mir wahrscheinlich weiterhelfen.

Das bringt mich auf die Idee, mich auch an die entsprechenden Stellen der ‚Landschaften‘ zu wenden; das sind die kommunalen Verbände unter anderem für Kultur jeweils im Emsland, Oldenburg und Ostfriesland. Jetzt kommt Bewegung in die Recherche!

Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission für Westfalen beim LWL kennt den Brauch unter dem Namen ‚Tunschere‘ (auch geschrieben: ‚Thunschere‘). Der Ablauf ist derselbe wie beim ‚Wäp-Wäp‘, es wird nur laut „Tun-Tun!“ gerufen. Frau Cantauw schreibt mir dazu:
Im Grunde gibt es zwei Brauchvarianten: Tunschere als Element eines Heischeganges (1) der Kinder und Thunschere als ‘Geschenk’. Der Geschenkebringer läuft weg und muss wieder eingefangen werden. Letztere Variante ist im Norden Westfalens weiter verbreitet. Welche der beiden Varianten die ältere Brauchform ist, kann ich nicht sagen. Das Brauchgeschehen der zweiten Variante kann aber in den Kontext der ‘Brautwerbung’ eingeordnet werden.
Die Geschichte der ‘Brautwerbung’ hatte ich auch schon einmal gehört. Die jungen Männer sollen früher ihrer Angebeteten zu Silvester einen ‚Wäp-Wäp‘ gebracht haben. Wenn sie diesen am Drei-Königs-Abend zurückbekamen, hatten sie gute Chancen, erhört zu werden.

Auch aus dem Emsland erhielt ich positive Nachrichten von der freundlichen Kollegin Maleen Knorr beim Kulturmanagement der Emsländischen Heimatbundes. Sie hatte sich kundig gemacht und konnte mich an die Heimatvereine in Lathen und Niederlangen verweisen, die beide dicht beieinander an der Ems liegen.
Auf der Website des Heimatvereines Lathen können Interessierte sehen, wie die aufwändigen Tunscheren gemacht werden.

Hier wird noch das ‘Krüllen’ beherrscht. ‘Krüllen’ heißt das Schaben eines Holzstockes, so dass sich Locken aus Rinde um den Stock kräuseln (krüllen).
Der Heimatverein Niederlangen hingegen überreicht jedes Jahr zu Silvester einem Bürger, der sich um die Gemeinde verdient gemacht hat, eine Tunschere. Hier ist der alte Brauch also zu einer Auszeichnung mutiert.
Auch auf dem Hümmling im östlichen Emsland gehören die Tunscheren zu den Neujahrs-Bräuchen.

Aus Ostfriesland kriege ich die Antwort, dass ‚Wäp-Wäp‘ und ‚Tunschere‘ keine ostfriesischen Bräuche seien. Dr. Nina Hennig, Leiterin der Museumsfachstelle / Volkskunde bei der Ostfriesischen Landschaft, verortet diesen Brauch “eher ins Münsterland, Oldenburger Münsterland und auch ins Emsland.”

Und – richtig! Den entscheidenden Hinweis liefert Dr. Jörgen Welp, Archäologe bei der Oldenburgischen Landschaft: Er rät mir, mich an das Museumsdorf Cloppenburg zu wenden… Treffer! Lesen Sie am 4. Janur was sich am Silvesterabend wo abspielt, wenn ein ‚Wäp-Wäp‘ gebracht wird.

Text: Ruth Hoffmann

Photo © repor-tal

  1. Beim ‚Heischegang‘ ziehen Kinder – manchmal auch Erwachsene – von Haus zu Haus und erbitten eine Gabe. Heute sind am bekanntesten Martins-Singen, Sternsingen oder neuerdings die klingelnden Gespenster zu Halloween.
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