Bewegte Momente,
Sprünge durch Zeit

Pericles wird lebendig durch Schauspieler Markus Seuß (M.) und die Puppe; Erik Rossbander als Forscher (r.) © Marianne Menke
Pericles wird lebendig durch Schauspieler Markus Seuß (M.) und die Puppe; Erik Rossbander als Forscher (r.)
© Marianne Menke

Die ‚bremer shakespeare company‚ gehört zu den überragenden Truppen, denen immer wieder ausgezeichnete Inszenierungen gelingen auch von solchen Shakespeare-Stoffen, an die sich die meisten Ensembles und Regisseure aus gutem Grund nicht herantrauen. Schon zum zweiten Mal setzen sie sich mit dem ‚Pericles‘ auseinander und haben mit Regisseur Thomas Weber-Schallauer eine ganz eigene Fassung entwickelt: Ein Spiel mit Menschen und mit fast lebensgroßen Puppen.

Pericles 004‚Pericles, Fürst von Tyrus‘ gehört zu Shakespeares weniger bekannten Stücken. Entstanden ist es um 1609, und nach dem Tod von Meister William (1616) erfreute es sich sogar großer Beliebtheit. Allerdings soll Shakespeare die ersten Szenen von seinem Bekannten George Wilkins (1576 – 1618) übernommen haben. Der Stoff stammt aus den ‚Gesta Romanorum‘ einer seit dem Mittelalter verbreiteten Sammlung von Geschichten, die in der Antike spielen.

Der Held Pericles ist vor der Rache des Königs Antiochus auf der Flucht, findet Liebe, erleidet Schiffbruch und den Verlust seiner Frau und seines Kindes. Der verworrene Plot strotzt vor Extremen, Leidenschaft und Tod, Mord, Kidnapping, Inzest, Prostitution, politischer Intrige, Bosheit und Tugend bis zum Happy End. Das Stück fordert alles von Regie, Dramaturgie und Schauspielern; kein Wunder, dass es sich nur wenige bisher zugetraut haben.

Die Bremer ‚Pericles‘-Inszenierung beginnt so leise, dass der Zuschauer anfangs auf den Gedanken kommen könnte, es sei ein Shakespeare ohne Worte. Vier Archäologen scheinen genervt und ratlos zu sein, weil sie einem rätselhaften Geräusch nicht auf die Spur kommen, das wie eine abgelaufene Schallplatte klingt. Erst als sie die Zentralfigur Pericles – als Puppe – ins Spiel bringen, kommt Schwung in die Handlung.

Spiel mit Puppen und mit Schatten. © Marianne Menke
Spiel mit Puppen und mit Schatten. © Marianne Menke

Der fast pantomimische Einstieg provoziert Spannung und Fragen: Warum sagen die vier Protagonisten nichts? – Und kurz bevor das Publikum unruhig wird, hüstelt und in Taschen herumsucht, durchbrechen die ersten Worte die Stille, und die Zuschauer werden sacht in die Geschichte hineingezogen.

Die Rätsel des Vorspanns lassen sich erst am Ende in der Reflexion beantworten: Warum wird die Handlung auf der Bühne ab und zu durch eine Momentaufnahme – „Photo!“ – unterbrochen? Warum schlagen sich die Männer um eine Flasche, die dann wieder in einer Truhe gesichert wird?
Die ‚Vorspann‘-Akteure sind offenbar Forscher, die Shakespeares ‚Pericles‘ ergründen wollen. Sie probieren verschiedene Wege, sich dem Stoff zu nähern. Der eine will der Sache auf den Grund gehen, öffnet eine Truhe, doch wenn er versucht, den Tönen nachzuspüren, setzten sie aus oder erklingen in einem unharmonischen Durcheinander. Der nächste versucht, Aufzeichnungen zu machen, knüllt aber sein Papier und wirft es weg. Pericles sitzt in einem Zelt mit einer Laterne. Kommt er mit ihr hervor, verlöscht ihr Licht, und die Figur geht im Alltäglichen unter.
Die ‚Momentaufnahmen‘ deuten auf die dramaturgische Interpretation der Inszenierung: Die Bremer haben die Schlüsselszenen des Dramas wie Schnappschüsse herauspräpariert und spielerisch interpretiert. Das wird klar, wenn die erste Szene für einen ‚Schnappschuss‘ von Antiochus und seiner Tochter unterbrochen wird.
Und das letzte Körnchen Sand, das am Schluss des Spiels aus der umkämpften Flasche rinnt? Ist es die Zeit? Die Inszenierung lässt Raum zum Nachdenken.

Regisseur Thomas Weber-Schallauer © repor-tal
Regisseur Thomas Weber-Schallauer © repor-tal

Regisseur Thomas Weber-Schallauer sagt zu seinem Grundproblem: „Pericles ist eigentlich ein Archetyp. Er hat keinen ausgeprägten, Handlung tragenden Charakter.“ Seine Lösung ist genial: Statt durch Schauspieler werden Pericles und seine Tochter durch Puppen verkörpert, die von den Schauspielern abwechselnd und sogar gemeinsam geführt werden. Hier knüpfen die Bremer an die Kunst des japanischen Bunraku-Theaters an.
Die Spieler Tim D. Lee, Erik Rossbander, Petra-Janina Schultz und Markus Seuß agieren und interagieren mit den Puppen in doppelter Bespieglung. Die Puppen von Anna Siegrot bestechen dabei durch ihren faszinierenden Ausdruck. Sie sind fast lebensgroß, und die Schauspieler lassen ihre Bewegungen vollkommen natürlich wirken. Die Puppen werden lebendig durch den Ausdruck ihrer Augen: lebhaft flackernde Lichter, die dem Zuschauer direkt in das Gesicht zu blicken scheinen. Keine übermäßige Kostümierung und keine Haare lenken von diesem Blick ab. Allein diese Augen lassen im Kopf des Betrachters das Bild eines jungen Fürsten, eines süßen Babys und einer wunderschönen Frau entstehen.

​Markus Seuß (l.) und Erik Roßbander von der 'bremer shakespeare company' agieren souverän - auch als 'Puppenspieler'.
Menschliche Szene zwischen Pericles (​Markus Seuß, l.)
– im Doppel als Mensch und Puppe –
und Helicanus (Erik Roßbander, r.) © Marianne Menke

Die vier Darsteller wechseln ständig die Rollen. Das gelingt durch viele kleine Requisiten, die sofort die neue Person erkennen lassen. Allen Vieren gelingt hier eine Glanzleistung. Ein eingespieltes Team, alle gleichberechtigt, keiner in einer ‚Hauptrolle‘, perfekte Schauspieler, die das Publikum fast unmerklich in eine andere Welt ziehen. Unterstützt wird der Zauber durch die lyrischen Saxophon- und Gitarrenklänge des britischen Multi-Instrumentalisten Andy Frizell.
Brillante Spiele mit Licht und Schatten, Wechsel zwischen großer, dynamischer Bühnenaktion (Sturm auf See) und leisen, subtilen Szenen halten die Spannung aufrecht, und wenn das letzte Körnchen der ‚Spiel-Zeit‘ verrinnt, brauchen die Zuschauer erst einmal zwei, drei Atemzüge Zeit, um aus dieser anderen Welt wieder aufzutauchen. Das ist bemerkbar am zunächst fast etwas zurückhaltenden Applaus, der sich dann zu frenetischen Ovationen steigert. Auch mit ‚Pericles‘ hat die norddeutsche Company wieder ein Meisterstück geliefert.

Zu sehen ist es noch heute (30. Juni) und morgen (1. Juli)  jeweils um 20 Uhr beim Shakespeare-Festival im Neusser Globe. Am 7. und 8. Juli jeweils um 20 Uhr treten die Bremer mit ‚Richard III.‘ in Neuss auf.

Text: Ruth Hoffmann & Jan Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.shakespeare-company.com

 

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