Weiche Lotte
hartes Herz

Charlotte von Stein wird oft als weibliches Pendant des Dichters eingeschätzt. War sie wirklich ein Genie unter den Frauen der Goethezeit? Oder war es vielleicht eher ein von ihr selbst stilisiertes Bild, das ihr schwärmerisch ergebener Bekanntenkreis weitergepflegt hat? Doria Maurer gibt in Ihrer Biographie über die bekannte ‚Mätresse’ Aufschluss über Leben und Charakter der von Stein.

Die legendäre Schönheit der Charlotte von Stein muss von ihren dunklen großen Augen und ihrer Haarpracht ausgegangen sein: „Sie hat überaus große schwarze Augen von der höchsten Schönheit. Ihre Stimme ist sanft und bedrückt. Ernst, Sanftmut, Gefälligkeit, leidende Tugend und feine, tiefgegründete Empfindsamkeit sieht jeder Mensch beim ersten Anblick auf ihrem Gesicht…“, so schwärmte um 1774 der Modearzt der Zeit, Johann Georg Zimmermann. An den Augen muss es wohl gelegen haben, wenn die dichten buschigen Augenbrauen, die überlange Nase und der Überbiss übersehen wurden. Eine klassische Schönheit kann die Frau nach den überlieferten Silhouetten und Profilportraits nicht gewesen sein. Sogar Schiller, sonst Goethe fast opportunistisch ergeben, bekundet, als er die von Stein 1787 zum ersten Mal sieht: „Schön kann sie nie gewesen sein…“

Doch Charlotte von Stein gehörte zu den führenden Damen der Weimarer Gesellschaft und bei Hofe. Sie hatte die Scharten ihres prunksüchtigen Vaters auszugleichen, nicht nur durch eine reiche Ehe, sondern auch durch ehrenhaftes Verhalten und Contenance. Als ihr Vater schon mit 47 Jahren als Reichsmarschall pensioniert wurde, drangsalierte er offensichtlich die Familie, und die protestantisch fromme Mutter hatte ihm nichts entgegenzusetzen.

Die 1742 geborene Charlotte Albertine Ernestine erlernte bei Hofe ihre Contenance zu wahren und zeigte den Menschen von sich das Bild einer gebildeten, sanftmütigen, leidenden und verständigen Frau. So schrieb Schiller: „Man sagt, dass ihr Umgang ganz rein und untadelhaft sein soll.“

Doch wehe dem, der ihren Launen ausgesetzt oder gar in irgendeiner Form von ihr abhängig war. Krankheit und Tod ihrer Kinder bewältigte die von Stein mit Verdrängung. Eines der wenigen überlieferten kritischen Beispiele lieferte – wenn auch mit vorsichtigen Worten – ihre Nichte, Amalie Immhoff: „Einst bei der Heimkehr hörte die auf der Treppe vorausschreitende Hausfrau (Charlotte von Stein) einen schweren Fall hinter sich; sie kannte die Gebrechlichkeit ihres Mannes, und, ohne sich umzukehren, mit dem Daumen rückwärts deutend, ruft sie: ‚Schach! (der Kammerdiener) heb’ er mal da auf!’“ Zwar entschuldigt Amalie ihre Tante damit, dass dieses Verhalten nicht herzlos-böse gemeint gewesen sei, sondern nur praktisch gedacht, weil sie ja ihren Mann nicht habe aufheben können. Doch gibt es uns heute ein ziemlich krasses Bild dieses angeblich edelmütigen Menschen.

Auch Johann Wolfgang von Goethe, der das Gespräch mit der intelligenten Frau bestimmt hoch schätzte, zog sich desto mehr zurück, je besitzergreifender und rechthaberischer die geliebte Freundin wurde. Die übrigens so oft nachgesagte sexuelle Verbindung der beiden kann sich jeder aus seinen Phantasien streichen. Das belegt Doris Maurer entschieden und logisch. Doch scheint es als habe die schickliche Frau von Stein es auch nicht ertragen, dass Goethe sich anderen Frauen zuwandte.

Im Gegensatz zu Johanna Schopenhauer, der Mutter Arthur Schopenhauers konnte die Stein es nie über sich bringen, Goethes Ehefrau Christiane zu empfangen. Sie muss in ihrer Selbstüberschätzung geglaubt haben, dass Goethe ihr in platonischer Liebe ganz ergeben sei.

Empfindsam war sie und nachtragend auf immer: „Ich habe keine glückliche Natur, bei mir vernarbt keine Wunde.“, gestand sie ihrem Sohn Fritz später. Goethe ging dem Konflikt aus dem Weg. Er reiste nach Italien.

Doris Maurer hat eine spannende Biographie dieser so oft in einem überhöhten Licht gespiegelten Frau geschrieben. Sie hat die Fakten zusammengetragen und ein realistisches Bild der Frau von Stein zum Vorschein gebracht.

Ruth Hoffmann (Text)

Doris Maurer: Charlotte von Stein
insel taschenbuch
303 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
10 Euro
ISBN 978-3-458-33820-8

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