Worte für das Unaussprechliche

Paul Celan – bei den meisten kommt da als Assoziation ‚Todesfuge’. Auf die Nachfrage, wie gut man sich an den Text erinnere, lautet die Antwort oft „eher vage“. Was sonst hat man von Celan erinnerbar gelesen? Das biographische Wissen überwiegt: Er war Jude, hat das Arbeitslager überlebt und seine Familie verloren. Zuletzt war er öffentlich durch den neu edierten Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann im Gespräch. Ist es das, was bleiben sollte? Und sein Werk, seine Arbeit als Dichter?

Darüber kann man sich Gewissheit verschaffen durch die Neuausgabe seines Gedichtbandes ‚Mohn und Gedächtnis’, einen schmalen, gebundenen Band in schwarzem Leinen mit Goldschriftprägung, ergänzt um ein erhellendes Nachwort.

Die Reduktion eines Dichters auf den biografischen Hintergrund seines Werkes heißt, ihm den Rang seiner lyrischen Arbeit zu bestreiten. Einen Lyriker wie Celan auf die formalen Qualitäten seines Werkes zu reduzieren, ist ebenso unmöglich. Doch, auch das ist schon vorgekommen: In einem germanistischen Seminar an einer westdeutschen Universität Ende der 70er Jahre setzte sich ein Referat zur ‚Todesfuge’ allein mit dem formalen Aspekt der Fuge auseinander, unter kompletter Ausklammerung des Inhalts.

Vom ‚Mohn des Vergessens’ ist in seinem Gedicht ‚Die Ewigkeit’ die Rede. Schreckliches einfach vergessen – das ist unmöglich. Und ‚Gedächtnis’ – steht es nicht dafür, dass durchaus daran gedacht werden sollte, was menschenmöglich ist? Wir sind heute ja psychologisch informiert und wissen, dass die lebensrettende Devise heißt: Aufarbeitung. Nur dass es da einen Unterschied gibt, zwischen therapeutischen Elaboraten und künstlerischer Bewältigung. Denn selbstverständlich stecken in den Gedichten Celans seine Erfahrungen mit Unaussprechlichem. Und er erspart uns nicht Entsetzen und Hoffnungslosigkeit. Aber darin geht sein Werk nicht auf, da gibt es mehr.

Der Band setzt sich aus vier Abteilungen zusammen: ‚Der Sand aus den Urnen’, ‚Todesfuge’, ‚Gegenlicht’ und ‚Halme der Nacht’. Sie bilden ein Ringen ab um das Bestehen vor der Erinnerung. So paradox es klingt: Diese Gedichte verströmen eine große Kraft in ihrer Gestaltung des Schrecklichen. Sie sind bildmächtig. Und von einer mitreißenden Sprachmelodie – man sollte sie unbedingt laut lesen.

Dabei wird mancher Text doppelbödig. So scheint zum Beispiel hinter

‚So bist du denn geworden
wie ich dich nie gekannt
dein Herz schlägt allerorten
in einem Brunnenland,…’

(aus ‚Gegenlicht’) das bekannte ‚Am Brunnen vor dem Tore…’ hindurch, und ist – bei identischem Metrum -sogar auch singbar auf Franz Schuberts ‚Der Lindenbaum’.

Überhaupt: Verführerisch ist das Angebot an vermeintlich Vertrautem, das er umwendet und dem Leser entgegenhält, wie zum Beispiel in ‚Da du geblendet…’ (Halme in der Nacht):

‚…Setze den Fuß in die Mulde, spanne das Zelt:
sie, die Schwester, folgt dir dahin,
und der Tod, aus der Lidspalte tretend,
bricht zum Willkomm euch das Brot,
langt nach dem Becher wie ihr.

Und ihr würzt ihm den Wein.’

In seinem an letzter Stelle stehenden Gedicht dieses Bandes scheint sein lyrisches Ich sein Ziel offenzulegen:

‚Zähle die Mandeln,
zähle, was bitter war und dich wachhielt,
zähl mich dazu:

…Mache mich bitter.
Zähle mich zu den Mandeln.’

Sein Leben beendete Paul Celan vermutlich in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1970 in Paris.

Kein Zweifel: die Lyrik in ‚Mohn und Gedächtnis’ trifft den Leser. Sie vermittelt durch ihre gestalterische Kraft gleichzeitig einen Impuls zu einer eigenen, durchaus gegenwartsbezogenen Auseinandersetzung: Wie weit trägt unsere Zivilisation? Was bedeutet mir Kultur? Wie sicher sind diese Errungenschaften? Ist diese Sicherheit nicht ein trügerisches Gefühl? Wann und wie muss ich Verantwortung für Zivilisation und Kultur übernehmen?

Wer sich dieser Herausforderung stellen will, dem ist der bibliophil gestaltete Band zu empfehlen, der Anlass und Autor angemessen würdigt.

Beate Klein (Text)

DVA (Cover)
DVA / Wolfgang Oschatz (Portrait)

Informationen: www.dva.de

Paul Celan: Mohn und Gedächtnis. Mit einem Nachwort von Jan Bürger.

Deutsche Verlags-Anstalt München 2012, Gebundenes Buch, Leinen, 104 Seiten, 4 schwarzweiß Abbildungen

19,99 Euro, ISBN 978-3-421-04550-8

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