Statt verlorene Bauten das Leben suchen

Ideal-Rekonstruktion der fränkischen Kirchenanlage, Untersuchungen und urkundliche Nachrichten, Rekonstruktion nach Rudolf Adamy 1891 © Kloster LorschWas ist historisch gesichert vom Aussehen der einstmals mächtigen Lorscher Benediktinerabtei, die im Dreißigjährigen Krieg fast völlig zerstört wurde? Viele Besucher des UNESCO Welterbes Kloster Lorsch mit seiner weltberühmten Torhalle stellen diese Frage. Wissenschaftler haben schon in den vergangenen Jahrhunderten darüber geforscht.

Holzmodell der Klosteranlage von Thomas Ludwig © VSG

Erstmals geht die Ausstellung Zum Bild verführt – Visualisierungsversuche eines verlorenen Klosters bisherigen Versuchen nach, das ursprüngliche Erscheinungsbild des Karolingerklosters wiederherzustellen. Gezeigt werden frühe Zeichnungen, Stiche und Publikationen, Grafiken, Modelle und digitale Animationen, aber auch fotorealistische Darstellungen. Sie geben Auskunft über die unterschiedlichen Rekonstruktionsversuche und Visualisierungsansätze der frühmittelalterlichen Klosteranlage von den Anfängen der Erforschung des Klosters Lorsch bis in die Gegenwart. Zu sehen sind außerdem Vorschläge und Planungen zum Wiederaufbau der Abtei.

3D-Animation des Klosters Lorsch, 1999
© architectura virtualis

“Die Suche nach verlässlichen Hinweisen zum einstigen Aussehen des Klosters gestaltet sich trotz der zahlreich vorliegenden Rekonstruktionen äußerst schwierig”, erklärt Anne-Karin Kirsch, Kuratorin der Ausstellung. Das einzige erhaltene Bild, das die Anlage kurz vor ihrer Zerstörung zeigt, ist ein Kupferstich von Matthäus Merian d.Ä. Doch zeigt der Stich nicht das Kloster Karls des Großen, sondern dessen Zustand im 17. Jahrhundert, als es schon kein Kloster mehr war.

Erst im 19. Jahrhundert beginnt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kloster Lorsch, insbesondere mit seinem heute wichtigsten Gebäude, der Torhalle. Zu dieser Zeit entsteht die erste graphische Rekonstruktion des karolingischen Königsklosters. Seitdem wurde immer wieder versucht, das Aussehen der historisch reich belegten, doch in ihrer Bausubstanz weitgehend verlorenen Anlage in verschiedenen Medien zu visualisieren: in Zeichnungen, Modellen, 3D-Animationen, zuletzt in Form der sogenannten ‘Footprints’ am Boden des Klostergeländes.

Matthias Merian d. Ä., Kloster Lorsch, Zustand vor 1621, kolorierter Kupferstich © VSG

Neben wissenschaftlichen Grabungen- und Bauforschungen wurde der Bereich um die Torhalle im 19. und frühen 20. Jahrhundert aber auch zum Aufstellungsort von Denkmälern und damit zum ideologisch geprägten Gedächtnisort.

Derzeitige Gestaltung des Klostergeländes mit ‚Footprints‘, © Hanns Joosten

Heute vertritt man die Auffassung: Statt spekulativer Rekonstruktion hin zu einem Ort, an dem die Klostergeschichte und das Leben der früheren Bewohner lebendig vermittelt werden. Führungsangebote und Stationen auf dem Welterbe-Areal wie das Schaudepot Zehntscheune mit seinen archäologischen Schätzen und das Freilichtlabor Lauresham, ein 1:1 Modell eines karolingischen Herrenhofes, nehmen die Besucher mit auf eine anschauliche Reise in die Zeit Karls des Großen.

Die Sonderausstellung ist bis 21. Oktober 2018 im Museumszentrum Lorsch zu sehen.

Text: Projekt2508 GmbH / repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung von Projekt2508 GmbH

Königshalle © Stadt Lorsch

Informationen: www.kloster-lorsch.de

UNESCO Welterbe Kloster Lorsch, Nibelungenstraße 32, 64653 Lorsch

Telefon: 06251 / 514 46

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags  10 – 17 Uhr

Eintritt: 3 Euro

Führungen auf Anfrage

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *