Privatsphäre war gestern

Mal unter uns Hurenkindern: Mit diesem Stilmöbel von einem Schimpfwort kann man doch heute keinen mehr ernsthaft beleidigen. Man muss schon ziemlich besoffen sein, um nicht zu merken, dass man sich mit solchem Trash-Gegröle aus der Mottenkiste bloß selber lächerlich macht.

Der Basti hat sich beim Kevin entschuldigt, der Kevin ist dem Basti nicht bös, elf Freunde wollen wir sein, egal wie viele. Auch die Zahl spielt keine Rolle.

Das heißt, doch – eine Zahl schon: Einer, der Schweinsteigers Feten-Fehltritt heimlich gefilmt und ins Web gestellt hat, bedankt sich ganz ungeniert für mehr als eine Million Klicks. Dabei sind heimliche Bild- und Tonaufnahmen eigentlich verboten, erst recht, solche zu veröffentlichen.

Die Realität hat diese Rechtsnorm längst überholt. Überall, wo zwei und mehr Menschen zusammenkommen, wird geknipst und gefilmt. Und vieles, wenn nicht bald alles, geht ins Netz. Es ist nicht Orwells ‚Großer Bruder‘, der alles sieht, auch nicht nur ein paar Geheimdienste wie die NSA, sondern jeder sieht praktisch alles. Wir sind nirgends mehr ‚unter uns‘. Die Welt ist jetzt wie ein kleines Dorf, wo jeder sehen kann, was jeder andere im Topf hat.

Das Beispiel des Schweini-Videos belegt auch, dass demjenigen, der seinen ‚Fußballgott‘ gefilmt und ihn anschließend geoutet hat, jedes Bewusstsein dafür abgeht, er könnte etwas Unrechtes getan haben. Stolz filmt er ein ‚Selfie‘, fast so verwackelt und vermurxt wie das Video von der Gröle-Szene, und postet es als ‚fettes Dankeschön‘ an ’seine Fans‘.

Denn die haben ja durch ihre Klicks bewiesen, dass sie die Proll-Performance alle sehen wollten.

Privat war gestern. Heute ist Facebook, ist YouTube. ‚Diskretion‘ ist ein Fremdwort, das nie fremder war als jetzt. Der Schutz der Privatsphäre ist Schnee von gestern. Und das gilt nicht nur für Promis, denen das eigentlich auch als Promillis klar sein müsste. Das gilt für uns alle.

Bonks bWenn aber alles geoutet wird und nichts mehr wirklich peinlich ist, wenn Millionen Up- und Downloader pausenlos sich selbst und andere hemmungslos bloßstellen, wenn der schlechte Geschmack der schieren Masse jede Rechtsnorm ad absurdum geführt hat – dann ist das alles eigentlich auch nicht mehr spannend. Denn was reizt denn noch den Spanner, wenn sowieso jeder alles sehen kann? Frag ich nur mal so – unter uns Hurenkindern.

Schorsch Bonks

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