Mutig, aber übermütig

Wer Shakespeares ‚Kaufmann von Venedig‘ in Deutschland auf die Bühne bringt, muss sich klar sein: Mit der Rolle des Shylock läuft man immer Gefahr, das anti-jüdische Klischee zu verkörpern. Doch man kann sie auch anders interpretieren: als Person, deren Aufstand gegen Diskriminierung und deren Forderung nach Gleichberechtigung als Mensch in Scheitern und Verzweiflung endet. Doch dem Rheinischen Landestheater (RLT) ist beim diesjährigen Shakespeare-Festival in Neuss leider kein großer Wurf gelungen.

‚Der Kaufmann von Venedig‘ wurde nach 1945 gerade in Deutschland oft boykottiert. Zur Inszenierung dieses Stückes gehört sehr viel Mut. Es spiegelt – darüber kann nichts hinwegtäuschen – ein seiner Entstehungszeit gemäßes anti-jüdisches Ressentiment.

Künstlich aufgeregte Yuppies
© Björn Hickmann Stage Picture

„Kann man sich der Antisemitismus-Debatte, die dieses Stück nach sich zieht, nicht entziehen?“, fragt Alexandra Engelmann (Jg. 1978), Dramaturgin am RLT Neuss. Sie gibt sich selbst zur Antwort: „Stellt man nicht die Religion der beiden venezianischen Kaufleute in den Vordergrund, sondern ihr Geschäftsgebaren und ihre Wertevorstellungen, ermöglicht man eine zeitgemäßere Lesart des Stoffes.“ Doch damit hat sie es sich zu leicht gemacht.

Zusammen mit Catja Baumann (Jg. 1980), die für die Inszenierung verantwortlich zeichnet, hat sie die Spielfassung für die Aufführung erarbeitet. Die venezianischen Edelleute werden zu Börsen-Yuppies, die sich mit Drogen aufputschen und im Chor „Deal, deal!“ skandieren. Doch der märchenhafte Plot von der Brautwerbung und dem Pfand aus Menschenfleisch funktioniert nicht im Nadelstreifen-Milieu.

„Kapital und Machtverhältnisse werden gegen Menschlichkeit und Würde gestellt“, sagt Alexandra Engelmann. Aber dafür reicht es eben nicht, dem einen oder anderen naheliegenden Einfall zu folgen. Wenn man Shakespeares Figuren in Nadelstreifen kleidet, besagt das allein noch gar nichts. Soll das Klingeln einer alten Ladenkasse hinter der Bühne ‚Kapitalismus‘ signalisieren? Soll ein Smartphone etwa ein Zepter der Macht darstellen?

Schaukasten der Märchenwelt:
Portia (Ulrike Knobloch, l.) will frei sein und malträtiert ihre Zofe Nerissa (Katharina Dalichau, r.)
© Christoph Krey

Dass dieses Konzept nicht aufgeht, belegen auch die drastischen Inkonsequenzen: So ist die schöne und reiche Portia immer noch in ihr Schlafgemach drapiert wie ein aufwendig verpacktes Parfum oder Schmuckstück. In ihrem Palast klingeln zwar auch die Handys. (In dieser Inszenierung würde es kaum auffallen, wenn die Zuschauer die ihren auch nicht abgeschaltet hätten.) Doch ihre Freier haben kein Computerspiel mittels Multiple Choice zu knacken, sondern müssen sich wie eh und je zwischen drei Kästchen aus Gold, Silber oder Blei entscheiden. (Die baut Bühnen- und Kostümbildnerin Anja Koch-Krenk auch noch auf einen massiven Block, der dem Parkett den Blick verstellt.) Der erste Bewerber stürmt die Bühne im Kostüm eines Karnevals-Beduinen, brüllt etwas, das wie ‚Allah‘ klingt, und ballert wild mit einem Karabiner um sich. Der zweite muss in der Tracht eines Toreros herumhampeln, wobei ihm der Haarzopf vor dem Gesicht baumelt.

Bassanio (Richard Erben, l.) verhandelt mit Shylock (Michael Putschli, M.), während Lanzelot Gobbo (Jonathan Schimmer, r.) die Szene nur durch seinen Ausdruck füllt.
© Christoph Krey

Der große und das Stück tragende Monolog des Shylock, Dreh- und Angelpunkt des Dramas und als Vorgriff auf die Deklaration der Menschenrechte immer noch hoch aktuell, geht trotz des großartigen Vortrags von Michael Putschli fast im Yuppie-Getümmel unter. Gegen Regiefehler kann der beste Darsteller kaum anspielen.

Als wäre das nicht genug, müssen Antonio und Bassanio vor dem hohen Gericht und angesichts des drohenden Todesurteils auch noch eine Knutsch-Szene vorführen. Im Programmheft erfahren wir: „Konflikt-verschärfend wandelt er (Shakespeare, die Red.) das Patenverhältnis zwischen dem Geldgeber und dem Werber der Dame von Belmont in eine homoerotisch gefärbte Freundschaft um.“ Doch das Geknutsche ist eher verschleppend als verschärfend, und die Prüderie und Homophobie, die unsere Gesellschaft gerade zu überwinden beginnt, waren Shakespeares Welt noch eher fremd. Männer durften von ‚Liebe‘ zueinander sprechen, ohne wegen Abweichungen von der sexuellen Norm verdächtigt zu werden.

Portia (Ulrike Knobloch) ‚bezwingt‘ Skylock (Michael Putschli).
© Christoph Krey

Das Programmheft enthält einen Text von Peter Zadek, der sich viermal der Herausforderung des ‚Kaufmanns‘ gestellt hatte, einmal in England und dreimal in Deutschland. Zadek nahm sich ausdrücklich als Jude die Freiheit, den Stoff zu interpretieren: „Ich kann das machen, weil ich nämlich Jude bin, deshalb kann ich es mir leisten, etwas in dieser Art in Deutschland zu sagen. Solange die Deutschen nicht die schlechten Seiten von Juden aussprechen, haben sie nicht begonnen, sich mit Ihrem Antisemitismus zu konfrontieren.“

Eine bescheidene Rolle: Antonio (Henning Strübbe) als Kaufmann von Venedig.
© Christoph Krey

Nun sind ‚Gut‘ und ‚Böse‘ in Shakespeares ‚Kaufmann‘ nicht klar nach Rollen verteilt. Alle Charaktere sind ambivalent. Jede Inszenierung muss ihre Akzente setzen. Diese versucht ausdrücklich, zwei ‚Lesarten‘ zu verbinden: eine komische und eine tragische. Doch wenn man Shakespeares Zeit und die Gegenwart mit dramaturgischen Mitteln verklammert, dann lässt sich der Holocaust dazwischen nicht ausklammern. Da fällt ein Schatten aus der Mitte auf Tragödie wie Komödie, der sich nicht überblenden lässt.

Positiv an der Aufführung ist das gute schauspielerische Handwerk des Ensembles: allen voran Jonathan Schimmer glänzt als Komiker in den Rollen des Lanzelot Gobbo und des Prinzen von Arragon.

Fraglich ist aber, ob diese Inszenierung mit all ihren Plattitüden und Unschärfen  geeignet ist als Anregung, sich ernsthaft mit der Geschichte der Juden-Diskriminierung auseinanderzusetzen.

Text: Jan Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung der Festival-Veranstalter

Informationen: www.shakespeare-festival.de

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