Meister am rotierenden Stein

Eine gute Friseurschere oder ein Rasiermesser herzustellen, ist immer noch Handarbeit. Das gilt natürlich erst recht für Blankwaffen, also Schwerter oder Säbel, jedenfalls wenn sie nicht nur zur Dekoration dienen sollen. Hans-Herbert Henkels aus Witzhelden bei Solingen beherrscht noch die Kunst, Blankwaffen den richtigen Schliff zu geben.

Wie beim Schmied, der die Klingen zunächst aus dem rohen Eisen herstellt, gehört auch beim Schleifer viel Erfahrung zum Handwerk. Im ‚Kotten‘ des 52-Jährigen rotiert der tonnenschwere Schleifstein mit anderthalb Meter Durchmesser, angetrieben von einem Elektromotor. Der Stein wird ständig nass gehalten; dennoch sprühen die Funken, wenn Henkels den Stahl gegen den Stein drückt.

Schleifer Henkels mit Klinge
Hans-Herbert Henkels prüft eine Säbelklinge

Das Werkstück wird dazu in eine hölzerne Halterung eingelegt, den ‚Ortspan‘. Den Druck reguliert der Schleifer vor allem mit den Knien; seine Beine stecken deshalb vom Fuß bis übers Knie in schweren Stiefeln aus Holz und Leder, den sogenannten ‚Wittblotschen‘. ‚Blotschen‘ nennt man im lokalen Plattdeutsch die Holzschuhe. ‚Witt‘, also ‚weiß‘, steht für die ersten Arbeitsgänge, bei denen die roh geschmiedete Klinge auf dem großen Stein zunächst blank und in Form geschliffen wird.

Im Gegensatz zu normalen Holzschuhen aus Pappel müssen ‚Wittblotschen’ aus Buchen- oder Eichenholz hergestellt werden, sonst halten sie nicht. „Ich weiß kaum noch welche zu kriegen“, sagt Henkels, der dafür extra zu einem Holzschuhmacher ins Münsterland fährt. Alle zehn Jahre ist selbst das beste Eichenholz durchgefault von der ständigen Wasserberührung.

Wittblotschen zwischen Feuer, Wasser und Stahl

„Ich kann mit der bloßen Hand an den Schleifstein kommen“, erklärt Henkels. „Da passiert gar nichts – wenn man schon Schwielen an den Händen hat. Für die Beine ist es schon etwas anderes. Die fliegenden Funken können ganz schön gefährlich werden.“

Nach dem Grobschliff, bei dem die Klinge quer am Stein vorbeigezogen wird und ihre Form bekommt, ob „derb“, also flach, oder „ballig“, also gewölbt, folgt der Längsschliff, bei dem etwa der Rücken bearbeitet wird oder eine Hohlbahn eingeschliffen wird. Weitere Bearbeitungsstufen auf feineren Steinen, lederbezogenen Holzscheiben und Riemen schließen sich an. In der Fachsprache redet der Schleifer vom ‚Pliesten‘ und Polieren. Manche Rezepte für spezielle Schmirgelpasten werden als Berufsgeheimnis gehütet.

Schleifen sieht aus wie grobe Arbeit, ist aber eine Sache des Feingefühls. Und zwar um so mehr, je kleiner das Werkstück ist. „Ein Schwert ist eigentlich einfacher als ein Messer“, sagt Henkels frei heraus, „Das Messer hält genauer, weil es dünner ist.“ Es gibt zwar inzwischen auch Schleifmaschinen, aber die lohnen sich nur für ausgesprochene Massenprodukte. Denn, so Henkels: „In der Zeit, die ich brauche, um die Maschine einzustellen, habe ich ja schon soundso viele Stücke mit der Hand geschliffen.“

An Aufträgen leidet der selbständige Handwerker keinen Mangel. Trotzdem gibt es kaum Nachwuchs in seinem Beruf. „Ich habe noch bei meinem Vater die Ausbildung gemacht“, erzählt Hans-Herbert Henkels. „Aber heute erlernt niemand mehr die Schleiferei in dieser traditionellen Form. Mich wird es wohl noch ernähren, bis ich in Rente gehe“, sagt der 52-jährige zuversichtlich. „Aber meine Söhne machen schon was ganz anderes.“

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (Fotos)

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