Das Geheimnis des ‚Wäp-Wäp‘

Ein Brettchen, Weidenzweige und viel Phantasie zur Dekoration
Ein Brettchen, Weidenzweige und viel Phantasie zur Dekoration

Seltsame Bräuche gibt es überall auf der Welt. Aber manchmal kennen wir uns mit exotischen Gepflogenheiten besser aus als mit Traditionen, die vor unserer Haustür passieren. Oder schon langsam in der Vergessenheit versinken. fifty2go-Autorin Ruth Hoffmann fiel ein alter Brauch aus ihrer Kinderzeit wieder ein: der ‚Wäp-Wäp‘.

Bringst du mir dieses Jahr einen? – Wer bringt ihn zuerst? – Letztes Jahr warst du zuerst dran. – Wem bringst du noch einen? – Solche Gespräche gab es zwischen Weihnachten und Neujahr, als ich noch ein Kind war. Worum es ging? Um die wichtige Frage, wer, wem, wann einen ‚Wäp-Wäp‘ bringt. Der alte Silvester-Brauch meiner Kindheit lief folgendermaßen ab:

Zunächst liefen wir wir zu Opa D., einem Drechsler in der Nachbarschaft. Bei ihm erbettelten wir ein kleines Holzbrett und baten ihn, an jeder Ecke ein Loch zu bohren. Opa D. hat uns nie im Stich gelassen; kleine Restebretter hatte er genug, und die Löcher bohrte er uns gern. Dann mussten wir Weidenbüsche suchen und ein paar biegsame Zweige abschneiden. Die Bretter beklebten wir mit buntem Glanzpapier. Die Weidenzweige wurden an beiden Enden zugespitzt, damit man sie als Bügel über Kreuz in die Löcher stecken konnte.

Aber zuerst haben wir die Zweige mit buntem Seidenpapier geschmückt. Das wurde doppelt gelegt, zu drei Vierteln über die Breite eingeschnitten und dann schön eng um die Zweige gewickelt, damit sich eine bauschige Girlande bildete. Jetzt konnten die geschmückten Zweige auf dem Brett über Kreuz befestigt werden. Die mussten nämlich richtig fest stecken.

Zum Schluss hieß es nur noch, ein paar Süßigkeiten auf dem fertigen Wäp-Wäp zu befestigen. Dazu klebten wir meistens eine Tafel Schokolade auf dem Boden fest, und an die Weidenzweige hängten wir ein paar bunte Schokoladenkugeln oder -figuren. Fertig!

Jetzt fieberten wir dem Abend entgegen. Der Spaß konnte beginnen, sobald es dunkel war. Wir schlichen uns an das Haus derjenigen, die den ‚Wäp-Wäp‘ erhalten sollten. Besser war, man wurde nicht vorzeitig entdeckt. Die Haustüren waren damals noch nicht abgeschlossen. Schon gar nicht am Silvester-Abend.

Man öffnet die Tür des Nachbarn möglichst leise – und dann schleudert man das dekorierte Brettchen unter lautem „Wäp-Wäp!“-Geschrei in den Hausflur. Jetzt aber nix wie weg! Da gehrt es über Hecken, durch die Büsche um die Hausecken. Wenn man Pech hat, dreht man sich um, und die Hausbewohner kommen schon aus den Büschen, wo sie gelauert haben. Denn die Beschenkten müssen versuchen, den Überbringer zu erwischen!

Eigentlich ließ man sich aber ganz gerne fangen. Denn dann wurde man unter lautem Gejohle ins Haus geschleppt. Als Zeichen, dass man erwischt worden war, wurde die Nase mit Kohle schwarz gemacht. Damals gab es überall noch Kohle-Öfen. Und dann gab es etwas zu Naschen und zu Trinken, bevor man sich aufmachte, den nächsten Freund, Verwandten oder Bekannten mit einem ‚Wäp-Wäp‘ zu beglücken. Für uns damals ein Riesenspaß.

Neulich fragte ich mich, ob es diesen Brauch wohl noch gibt. Woher kommt er? Und was bedeutet eigentlich ‘Wäp-Wäp’? Ich habe mich auf die Suche gemacht. Die erste heiße Spur führte mich nach Kamperfehn, ein Dorf im Oldenburgischen. Mehr dazu morgen (29. Dezember).

Text: Ruth Hoffmann

Photos: © repor-tal

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