Die ‚heilige Puppenstube‘ (1)

© bilder.erzbistum-koeln.de, Photograph Bernhard Riedl

© bilder.erzbistum-koeln.de, Photograph: Bernhard Riedl

Jeder kennt sie, die weihnachtlichen Stellagen mit Baby, Eltern, Ochs‘ und Esel – mal mit, mal ohne Dach überm Kopf. Manchmal fast abstrakt, oft aber bis ins Detail liebevoll ausgestaltet samt Beleuchtung wie ein Modellbahn-Diorama: die Krippen. Doch woher kommt dieses plastische Bild, was steckt dahinter, und was bedeutet sie heute? fifty2go hat Professor Manfred Becker-Huberti* gefragt. Seine Antworten bringt fifty2go in vier Folgen jeweils an einem Adventssamstag. Heute, zum 1. Advent, geht es um Ursprung und Tradition.

Professor Dr. Becker-Huberti erklärt die Herkunft der Krippen. © Manfred Becker-Huberti

Professor Dr. Becker-Huberti
erklärt die Herkunft der Krippen.
© Manfred Becker-Huberti

“Der Krippen-Brauch ist uralt. Der Tradition nach hat Kaiserin Helena das Holz, aus der die Krippe gezimmert war, im 4. Jahrhundert gefunden und nach Rom gebracht. Dort wurde es als Reliquie in Santa Liberiana und dann in der Nachfolgekirche Santa Maria Maggiore (Fertigstellung 440) verehrt, wo sich die Reliquie noch heute befindet.

In dieser Kirche wurde zu Weihnachten neben dem Altar eine Krippe aufgestellt, ein einfacher Futtertrog. In diesen legte man ein Christkind in Form einer Puppe. Diese Idee nahm der heilige Franziskus 1223 auf, als er in einer Felsengrotte den Stall von Betlehem mit allen Beteiligten nachbildete, also mit lebenden Personen und Tieren. Die römische Idee wurde zwischenzeitlich erst von Nonnenkirchen, dann von Pfarrkirchen übernommen.
Die Figur des Christkinds wurde im Gottesdienst aus der Krippe genommen und den Menschen in der Kirche in die Arme gelegt. Sie wiegten das Christkind zu Wiegenliedern, die wir auch heute noch singen, und gaben die Figur an den Nachbarn weiter. In den Kirchen oder angrenzenden Gebäuden wurde die Krippe von Betlehem nachgebaut, so dass das Geschehen dreidimensional dargestellt wurde.
Während der Aufklärung, zum Ende des 18. und zum beginnenden 19. Jahrhundert, wurden die Aufstellung von Krippen in den Kirchen verboten. Ab diesem Zeitpunkt bauten sich die Christen ihre Krippen für zuhause selber oder kauften Krippen aus Italien oder den Alpenländern.

© repor-tal

© repor-tal

Es gibt zunächst einmal zwei Sorten von Krippen: Solche, die nur einen Stall und solche, die eine Höhle darstellen. Der Legende nach war ein Stall einer Höhle vorgebaut. Der Stil der Gebäude wird landschaftlich geprägt: Es gibt also alpenländliche Ställe im Gebirge und Ställe in Lehmbauweise aus einer Heide. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die an der Krippe Beteiligten sind über die Jahrhunderte gleich geblieben, allerdings wurde ihre äußere Erscheinung immer wieder variiert. Man trug aktuelle zeitgenössische Kleidung oder kleidete die Figuren so, wie man glaubte, sie hätten in der Antike so einmal ausgesehen. In den einzelnen Kulturkreisen wird die Krippenszene ‘eingemeindet’: In Japan erscheinen die Krippenfiguren als Japaner und in Afrika als Afrikaner.

'Kölscher' Engel © bilder.bistum-koeln.de, Photograph: Bernhard Riedl

‚Kölscher‘ Engel © bilder.bistum-koeln.de, Photograph: Bernhard Riedl

Relativ neu sind Szenekrippen, die die Geburt in eine bestimmte Zeit oder ein besonderes Stadtviertel versetzen. Beteiligt sind stets das Christkind, seine Mutter Maria und der Nährvater Joseph. Ochs’ und Esel wärmen mit ihrem Atem das Jesuskind. Engel gehören dazu, die den Hirten die Geburt verkünden und – nach einigen Legenden – auch musizieren. Die Hirten, die zur Krippe kommen, bringen ihre Schafe mit. Am 6. Januar kommen auch die Heiligen Drei Könige mit ihrem Gefolge zur Krippe. Sie werden durch ihre Reittiere – Pferd, Kamel und Elefant – den drei damals bekannten Kontinenten zugewiesen: Europa, Asien und Afrika.”

Lesen Sie am 5. Dezember Teil 2: ‚Von Riten und Bräuchen‘

*Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti (Jg. 1945) hat Katholische Theologie, Philosophie, Publizistik und Kunstgeschichte studiert. Promoviert wurde er 1975. Für das Erzbistum Köln arbeitete er im Schulbereich und in den Medien. Er hat an verschiedenen Hochschulen und Universitäten, dem Kölner Priesterseminar und Diakoneninstitut gelehrt. Seit 2006 ist Becker-Huberti Freiberufler, Autor und Honorarprofessor (2007) an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar.

Informationen: www.becker-huberti.de

, , , , , , ,

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar

Powered by WordPress. Designed by WooThemes