Eine Zeitreise
im Grenzgebiet

Man kann den ‚Eynderhoof‘ kaum verfehlen. Im Ortsteil Eind des süd-niederländischen Städtchens Nederweert markiert der ‚Gildeboom‘, der Zunftbaum, die Einfahrt. Er zeigt schon an, was es im Freilichtmuseum alles für Attraktionen gibt. Das Besondere an dem Ort ist, dass er ausschließlich von ehrenamtlichen Mitgliedern, einem Freundeskreis des Museums, unterhalten wird. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass der ‚Eynderhoof‘ viermal in der Woche geöffnet ist – und am Sonntag ist er sogar bespielt!

Der ‚Baum der Zünfte‘ markiert den Eingang

In den beiden großen Häusern am ‚Dorfplatz‘ gleich nach dem Eingang können die Besucher sich zunächst ‚theoretisch‘ über das Leben im Limburgischen um 1900 informieren. Hier gibt es vollständig eingerichtete Wohnstuben. Alles wirkt so, als würden die Bewohner jeden Moment eintreten. Die Schränke sind gefüllt mit Wäsche oder Geschirr. Am Wiemen hängen Schinken und Wurst. Auf der Kochmaschine stehen Kannen und Töpfe und ein Kohlenbügeleisen. Der Tisch ist eingedeckt zum Kaffee, und frische Blumen stehen darauf. Und als wäre die Hausfrau gerade nur einen Moment hinausgegangen, wartet der geöffnete Nähkorb, dass mit dem Flicken begonnen wird. Selten sind Museumsräume so lebendig eingerichtet. Und fast gerät der Besucher in Versuchung, im Vorratskeller vom eingeweckten Obst zu naschen. ‚Wehe, wenn die Mutter kommt!‘

Die Speckseite hängt im Wieben über den Kaminfeuer.

In einem anderen Raum ist anhand von Photos und nachgestellten Filmaufnahmen das Leben um 1900 in den vier Jahreszeiten nachzuvollziehen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter forderten von den Menschen unterschiedliche Arbeiten. Kleine Exponate vertiefen den Einblick. so vorbereitet kann der Rundgang beginnen.

Zum Beispiel bei den Korbflechtern. Im ‚Sint Paulus’*-Schuppen ist alles zu sehen, was ein Korbflechter für seine Arbeit benötigte. Und gleich nebenan zeigen zwei fleißige Korbflechterinnen, was alles aus geschickten Weidengeflecht entstehen kann: Vom Obstkorb über die Fischreuse bis hin zur Windmühle.

Ein Stückchen weiter zeigen Böttcher und Drechsler, was aus Holz hergestellt wurde. Hier kann man selbst Hand anlegen, um mit Hilfe des Meisters ein kleines Fass oder einen Eimer dicht zu klopfen. Oder man betrachtet die geschickte Arbeit beim Drechseln eines Kreisels.

Mit Smokkelen-Klompen auf Schleichwegen

Ein ganze Sammlung von ‚Klompen‘ gehört natürlich dazu. Der Holzschuh ist hier in vielen Varianten zu sehen, darunter auch eine ganz kuriose: den ‚Smokkelen-Klompen‘, den Schmuggel-Holzschuh. Bei ihm ist die Unterseite verkehrt herum geschnitzt, so dass die Fußabdrücke scheinbar in die Gegenrichtung zeigen. Die nahen Grenzen zu Belgien und Deutschland waren früher von großer Bedeutung.

Auch in der Zimmerei geht es lebhaft zu. Hier ist eine große Säge in Betrieb, die ganze Baumstämme in Bretter teilt. Gegenüber in der Schmiede glüht das Feuer. Kerzenständer, Feuerhaken, Hufeisen entstehen hier, und aus den abgenutzten Pfedeschuhen werden sogar Gartenstühle und -tische zusammengeschweisst. Natürlich trägt die Schmiede den Namen ‚Sint Eloy’**.

Im Backhaus am ‚Dorfplatz‘ wird noch wirklich im Holzfeuer-Ofen gebacken. Leckeres knusprig-knackiges Zucker-Gebäck duftet über den Platz. Rosinenbrötchen, gefüllte Puddingteilchen und Kekse, die man neben der ‚Beugelbaan‘ zum Kaffee oder Bier knabbern kann. Beugeln ist ein Spiel zwischen Kegeln und Krocket. Holzbälle, so groß wie Kegelkugeln, müssen mit Schlägern, die an Holzschaufeln erinnern, durch kleine Ringtore bugsiert werden, durch die die Kugeln gearde so eben hindurch passen. Beugeln wird hauptsächlich im Freien gespielt.

So gestärkt kann man als Nächstes auf dem Dreschplatz helfen. Wer sich traut und den Flegel auch durch die Luft zischen lässt, merkt schnell, wie viel Gefühl und Kraft dafür nötig ist, der Ernte das Korn auszutreiben. Es komt auf den Rhythmus an!
Schräg gegenüber am ‚Dorfplatz‘ hat auch der Müller sein Domizil. Hier wird demonstriert, wie die Körner zwischen die Mahlsteine geschüttet und als Mehl unten wieder aufgefangen werden.

Das neueste Projekt auf dem Eynderhoof ist die ‚Stroopmakerij‘. Sie ist noch nicht in Betrieb. Hier stehen aber schon all die Gerätschaften bereit, die zum Sirup-Kochen notwendig sind. Ein Film des Landschaftsverbandes Rheinland zeigt, wie aufwendig und kräftezehrend das Kochen von Apfel- oder Rübenkraut war. Deshalb war es auch Männerarbeit. 24 Stunden musste der Sirup immer wieder in großen Bottichen gerührt und danach in Steinkrüge abgefüllt werden.
Süß geht es auch im ‚Sint Ambrosius‘-Haus zu. Hier zeigt die Imkerei-Gruppe, wie traditionell Honig gewonnen wurde.

Ein Ständchen vor dem Backhaus

Lauschige Plätzchen gibt es überall am Rand der Hofanlage unter Bäumen oder zum Beispiel am Bauerngarten mit traditionellen Gemüsen und vielen Blumen. Aber rund um den ‚Dorfplatz‘ sorgen abwechselnd der Drehorgel-Mann und ein Chor für gute Stimmung. Natürlich sind sie – wie überhaupt alle ehrenamtlichen Kräfte – in traditioneller Kleidung und in ‚Klompen‘ unterwegs.

Der Marmormaler

Vieles mehr gibt es auf dem ‚Eynderhoof‘ noch zu sehen, wie zum Beispiel den Marmormaler oder die Schildermacherei. Manchmal bekommen die Besucher auch die hohe Kunst der Spekulatius-Form-Schnitzerei vorgeführt. Ein Besuch in diesem Freilichtmuseum ist vielfältig und lohnt auch mehrfach.

Wer also im Limburgischen unterwegs ist, sollte unbedingt einen Abstecher zum ‚Eynderhoof‘ in Eind, Gemeinde Nederweert machen. Es lohnt sich, besonders am Sonntag!

Text: Ruth Hoffmann

Photos © repor-tal

* Paulus von Tarsus ist der Schutzpatron der Korbflechter.

** Eligius ist der Schutzpatron der Hufschmiede.

*** Ambrosius von Mailand ist der Schutzpatron der Imker.

Informationen: www.eynderhoof.nl

Adresse: Milderspaât 1, 6034 PL Nederweert-Eind

Öffnungszeiten: 1. April bis 31. Oktober sonntags (in Betrieb), dienstags, mittwochs und freitags von 13 bis 17 Uhr

Eintritt: 5 Euro

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