Körper zwischen Artefakt und Natur

Mary Wigman im ‚Hexentanz‘, 1926
Foto: Charlotte Rudolph, Tanzarchiv Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

100 Jahre Bauhaus, das ist Grund genug für das Museum August Kestner in Hannover, dem Thema eine Sonderausstellung zu widmen. Im Fokus stehen dabei die noch heute modern wirkenden Tänze, die von dieser Schule entwickelt wurden.

Der Bauhaus-Ausdruckstanz unterscheidet sich radikal von anderen Tanzstilen der Zeit. Als sich die Ausdruckstänze im Rahmen der Reformbewegungen nach 1900 entwickelten, war es nicht verwunderlich, dass sich Bauhausmeister für die neue Tanzstile interessierten und mit ihren Arbeiten darauf reagierten. Umgekehrt zeigten namhafte Ausdruckstänzerinnen lebhaftes Interesse für das Bauhaus. Trotz vieler offensichtlicher Unterschiede lassen sich gedankliche Verbindungslinien zwischen den Intentionen des Bauhauses und anderen modernen Tanzgestaltungen der Zwanzigerjahre zeigen. Alle diese avantgardistischen Bestrebungen entsprangen dem Bedürfnis, der neuen Epoche gemäße Bewegungsformen im Tanz zu entwickeln. 

Wigman-Schule „Totentanz“, 1926, Foto: Ursula Richter, Reproduktion Museum August Kestner

Feste spielten seit Gründung des Bauhauses 1919 in Weimar eine wichtige Rolle: Sie stifteten Gemeinschaft und Gelegenheit für aufwändige künstlerische Aktionen und Tanzvorführungen. Mit dem Umzug des Bauhauses nach Dessau 1925 wurde im Neubau die Versuchsbühne gegründet. Sie bot weitaus bessere Möglichkeiten für Inszenierungen. Tänze nahmen dabei einen bedeutenden Stellenwert ein. 

Bauhaus-Bühne – Formentanz, 1927, Foto: Erich Consemüller, Stiftung Bauhaus Dessau © Dr. Stephan Consemüller

Die Bühne war jedoch keineswegs nur ein Aufführungsort, sondern wurde in das Curriculum der Studierenden einbezogen. In einer Art Forschungslabor untersuchte man dort die Wechselwirkungen zwischen Raum, Körper, Bewegung, Form, Licht, Farbe und Ton. Tänzer bildeten dabei nicht den Mittelpunkt des Geschehens, sondern fügten sich als Teil in das Gesamtkonzept ein. Als zwischen Artefakt und Natur changierende ‚Kunstfiguren‘ sollten diese das neue, dem Maschinenzeitalter adäquate Menschenbild verkörpern. 

Figur ‚Goldkugel‘ aus dem Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer, 1922/23, Fotograf unbekannt, Stiftung Bauhaus Dessau

Initiator und Ideengeber der neuen Tänze war in erster Linie der Bauhausmeister Oskar Schlemmer (1888-1943), der seit 1923 die Bühnenaktivitäten leitete. Als ausgebildeter Maler konnte er hier auf ganz andere Weise seiner Phantasie freien Lauf lassen. Sein Anliegen war es, mit einfachen und elementaren Mitteln zu experimentieren. So galt es beispielsweise beim ‚Raumtanz‘, ‚Formentanz‘ und ‚Gestentanz‘, den Bühnenraum auf verschiedene Weise auszuschreiten und mit wenigen Requisiten bzw. Gesten zu agieren. Für die so genannten ‚Materialtänze‘ wurde jeweils ein bestimmter Werkstoff für die Kostüme bzw. Requisiten gewählt: Holz, Glas, Metall. 

Tanzfiguren aus der Sammlung des Museum August Kestner und Leihgaben visualisieren in der Ausstellung neben historischen Fotoaufnahmen die Vielfalt tänzerischer Stile und Tanzkostüme in den ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts. Der örtliche Bezug zu Hannover ist über die ausgewählten Tänzer gegeben: Mary Wigman, die wohl prominenteste Vertreterin des Ausdruckstanzes in Deutschland, war gebürtige Hannoveranerin. Auch Auftritte ihrer Schülerinnen in Hannover sind belegt, wie das Gastspiel der Tanzgruppe Trümpy-Skoronel aus Berlin 1928. Eine ihrer wichtigsten Schülerinnen, Yvonne Georgi, wirkte seit 1926 als Ballettmeisterin an den Städtischen Bühnen Hannover und gründete hier eine eigene Tanzschule. Sie zog namhafte Tänzer an, wie Harald Kreutzberg, der ab 1927 als Solotänzer Anstellung fand. Ihre vielbeachteten Aufführungen fanden auch international Anklang. Das Theatermuseum Hannover bewahrt einen Teilnachlass von Yvonne Georgi auf. 

Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg in ‚Persisches Lied‘, 1929/30, Foto: Maurice Goldberg, Theatermuseum

Im Kontext der Ausstellung wird auch das Verhältnis des in Hannover wirkenden Künstlers Kurt Schwitters zum Bauhaus thematisiert. Er war dort häufiger Gast und trat in Veranstaltungen zum Teil gemeinsam mit der Tänzerin Gret Palucca auf.

Die Ausstellung im Museum August Kestner wird zahlreiche Bild- und Textdokumente sowie Filmmaterial und Kostümrekonstruktionen präsentieren. Den Großteil der Leihgaben stellt das Bauhaus Dessau zur Verfügung. Eine interaktive Bühne bietet Museumsbesucher die Möglichkeit, selbst Bewegungen im Raum mit Requisiten zu erspüren. 

In Kooperation mit der Dance Company des Theaters Osnabrück, die sich um die Rekonstruktion historischer Tanzwerke von Mary Wigman verdient gemacht hat, werden in Lecture Demonstrations ausgewählte Tanzszenen vorgeführt und erläutert. Zudem sollen dezidiert Bezüge zur Gegenwart geknüpft werden: Studierende der Hochschule Hannover füllen Bauhaus-Ideen erneut mit Leben und widmen sich dabei auch den neuen Medien.

Die Schau Ausdruckstanz und Bauhausbühne ist bis zum 29. September 2019 in Hannover zu sehen. Und für alle, die nicht zum Museum kommen können, unten der Buchtipp.

Text: Museum August Kestner / repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung des Museums August Kestner

Informationen:Museum August Kestner

Adresse: Museum August Kestner, Trammplatz 3, 0159 Hannover

Telefon: 0511 / 168-42 730

Öffnungszeiten: dienstags und freitags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

Eintritt: 5 Euro, freitags freier Eintritt!

Publikation:
Hubertus Adam, Sally Schöne (Hg.): Ausdruckstanz und Bauhausbühne, zehn Essays
Imhof-Verlag, 192 Seiten, 158 Abbildungen, Klappenbroschur
22,90 Euro
ISBN: 978-3-7319-0852-4

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