Vom Radeln und Fietsen

Die Niederländer haben ein ausgefuchstes System für ihr Radwegenetz entwickelt, das durch die schönsten Ecken des Landes führt.
Die Niederländer haben ein ausgefuchstes System für ihr Radwegenetz entwickelt, das durch die schönsten Ecken des Landes führt.

Wo lässt es sich besser radeln als in den Niederlanden? Die Radfahrer-Nation hat ihr Wegenetz für Pedal-Treter perfekt ausgebaut und beschildert. Und obwohl unser Nachbarland eine der höchsten Bevölkerungsdichten* in Europa hat, vermittelt ein ‚fietstochtje‘ durch die flache Landschaft mit ihren schmucken Dörfern und Städtchen den Eindruck von Weite, Gemächlichkeit und Ruhe.

Radeln ist nicht nur in, sondern auch noch gesund. Dabei sprechen wir hier nicht vom Kilometer-Abreißen oder Berge raufschnaufen und runterbrettern oder gar Pferden auf ihren teilweise aufgewühlten Reitwegen Konkurrenz machen. Wir sprechen davon, gemütlich durch die Landschaft zu strampeln und die Umgebung dabei mit allen Sinnen zu genießen.

Hier geht's lang!
Hier geht’s lang!

Um dies möglichst entspannt tun zu können, müssen wir die Wege entweder sehr genau kennen, oder einen guten Plan haben. Zwar gibt es auch hier Fahrradrouten im Netz oder auch als Heft zu haben. Aber die Niederländer sind uns noch einen großen Schritt in der Perfektion voraus. Das gesamte Land ist mit einem Netz von Knotenpunkten überzogen. Jeder ‚knooppunt‘ hat eine Nummer und ist mit einer Karte der Umgebung beschildert. Entlang der Radstrecken dazwischen findet man an jeder Abzweigung kleine Wegweiser zu den jeweils benachbarten Knotenpunkten.

So kann man über die schönsten Strecken der einzelnen ‚provincies‘, aber auch durch die ganze Nation navigieren. Nach Angaben der Radfahrerorganisation ‚fietsersbond‘ führen etwa 35.000 Kilometer Radstrecke durch die Niederlanden.

Die kleinen Wegweiser stehen auf kurzen Pfählen in der Natur.
Die kleinen Wegweiser stehen auf kurzen Pfählen in der Natur.

Um das ‚knooppunt‘-Netz nutzen zu können, braucht man eine Radwege-Karte der jeweiligen Region, auf der die Nummern verzeichnet sind. Solche Karten werden zum Beispiel vom Verkehrsclub ANWB** herausgegeben, ebenso wie eine Reihe von Heften mit Touren-Tipps (ANWB** Fietsgids). Das gibt es bei der ‚Vereniging voor Vreemdelingenverkeer‘, kurz VVV (gesprochen ve-ve-ve), der niederländischen Touristinformation, die man im Zentrum größerer Orte findet. In diesen Heften, aufgeteilt in die verschiedenen ‚provincies‘, sind die schönsten Touren durch das Fahrradland verzeichnet. Sie führen durch Wälder und zwischen Feldern hindurch, an beschaulichen Kanälen entlang und durch malerische Dörfer. Nur ganz selten führen sie einmal ein kurzes Stück an einer größeren Straße entlang. Allerdings gibt es diese Hefte bisher nur auf niederländisch.

In den Ortschaften finden sich oft Rastmöglichkeiten.
In den Ortschaften finden sich oft Rastmöglichkeiten.

Natürlich kann sich auch jeder seine eigene Tour anhand der ‚knooppunten‘ zusammenstellen. Aber da kann man dann nicht unbedingt sicher sein, die ruhigsten und schönsten Strecken zu erwischen. Das Tolle an den Routen ist aber auch, dass man auf den Rundkursen die Strecken jederzeit abkürzen kann, indem man über eine Querverbindung den kürzesten Weg zum Ausgangspunkt zurücknimmt – immer orientiert an den Knotenpunkten.

Die ‚knooppunten‘ liegen meist an Kreuzungen, an einer Kirche oder dem Dorfplatz. Viele bieten eine Sitzbank oder einen Platz zum Picknick. Wegen der Tafeln mit dem Wegenetz sind sie kaum zu übersehen.

Wo ist der 'knooppunt'? - Etwas versteckt, rechts hinter der Baumkrone.
Wo ist der ‚knooppunt‘? – Etwas versteckt, rechts hinter der Baumkrone.

Etwas genauer hinsehen muss man aber, wenn man keinen der kleinen Wegweiser dazwischen verpassen will. Im Wald und in der freien Landschaft sind sie oft auf einem kurzen Pfahl angebracht, der einige Meter vor einer Kreuzung steht. Aber an einer Straße können sie auch schon mal an einer Laterne weiter oben hängen sein, oder – Achtung! – auf der anderen Straßenseite. Doch dafür bekommt man schnell den richtigen Blick. Schwieriger ist es da schon manchmal in Ortschaften; da ‚verbergen‘ sich die Schildchen hin und wieder zwischen anderen Hinweisen. Oder man muss sie in unterschiedlicher Höhe erspähen, bevor man vorbeiradelt: mal unten an Mauer, mal oben an einer Laterne. Das hat aber immerhin den Vorteil, dass man nicht zu schnell durch die Gegend saust, sondern immer mit offenen Augen.

Sobald man auf den Schildchen liest: ‚U nadert knooppunt‘ (sprich: Ü nadert knooppünt), ‚Sie nähern sich dem Knotenpunkt‘, ist es bis zur nächsten Orientierungstafel nicht weit.

Und auch Ladestationen für E-Bikes sind in den Niederlanden oft zu finden.
Und auch Ladestationen für E-Bikes sind in den Niederlanden oft zu finden.

Schwer für Deutsche ist es, sich an die niederländische Praxis des Nebeneinanderfahrens zu gewöhnen. Das erlaubt die niederländische Straßenverkehrsordnung ausdrücklich. Die radfahrerprobte Nation argumentiert damit, dass Radfahrer so für die Autofahrer besser wahrnehmbar sind, und diese sich dann entsprechend vorsichtiger verhalten. Das klappt bei den Niederländern auch ausgezeichnet. Nur die deutschen Autofahrer kennen diese Regelung weniger: die meisten brausen dicht mit ungemindertem Tempo an den Radlern vorbei.

Übrigens gibt es auch eine Smartphone-App, mit der man in der anhand der ‚knooppunten‘ eigene Touren planen und navigieren kann.

Text: Ruth Hoffmann

Photos © repor-tal

* Übertroffen wird die Bevölkerungsdichte der Niederlande nur von den Stadtstaaten Monaco, Vatikan, Malta und San Marino (Stand 2012).

* * ANWB steht für ‚Algemene Nederlandse Wielrijdersbond‘ (ANWB, dt.: Allgemeiner niederländischer Radfahrerverbund), dem aber auch Autofahrer angeschlossen sind.

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