Serie: Burnout-Syndrom
Teil 2: Medizinische Einordnung

In Deutschland müssen die niedergelassenen Vertragsärzte ihre Diagnosen nach dem Sozialgesetzbuch V (Abrechnung ärztlicher Leistungen) verschlüsseln. Hierzu gibt es eine Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, kurz ICD, der englischen Abkürzung International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems. Mit diesem System werden weltweit medizinische Diagnosen klassifiziert. Verantwortlich ist hierfür die  Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die aktuell gültige internationale Ausgabe ist die ICD-10. Und eben in dieser Klassifikation gibt es die Diagnose ‚Burnout’ nicht.

Dr. Johannes Vesper

„Eine allgemeingültige Definition des Begriffes ‚Burnout’ oder kurz ‚BO’  existiert nicht. Weil es keine Diagnose ‚Burnout’ in der ICD-10 gibt, benutzt man Ausweichdiagnosen“, erklärt Dr. Johannes Vesper, Internist in Wuppertal. „Zum Beispiel wird die Z73 genutzt. Darunter fallen Probleme verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung.  Warnsymptome sind vermehrtes Engagement in der Arbeit beziehungsweise für selbstgesetzte Ziele, Erschöpfung, Reduktion psychischer Belastbarkeit, reduziertes Engagement für andere oder für die Arbeit, Depression, Aggression, Abbau der Motivation, der Kreativität, Verflachung der Emotionen, des sozialen Lebens, des geistigen Lebens, aber auch psychosomatische Reaktionen, also körperliche Beschwerden, bis hin zu Resignation und Verzweiflung.“

„Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung und akut weniger durch Einflüsse von außen bedingt“, erklärt der Mediziner. „Borderline ist charakterisiert durch Impulsivität und Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen. Es kann zu dissoziativen Störungen kommen, oft sogar zur Selbstverletzung. Ursächlich für die Borderline-Persönlichkeitsstörung werden frühkindliche Beziehungsprobleme in der Familie angenommen.“

Borderline beinhaltet auch den Persönlichkeitsverlust.

Das Borderline-Syndrom ist also keinesfalls mit einem Burnout gleichzusetzen. Die mit dem Borderline einhergehenden dissoziativen Störungen sind zum Beispiel durch Unterbrechungen der normalerweise miteinander verbundenen Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität oder der Wahrnehmung der Umwelt gekennzeichnet.

Dagegen kann ein Burnout durchaus mit einer Depression einhergehen: „Die komplexe Symptomatik des Burnouts kann mit der einer Depression überlappen“, so Dr. Vesper. „In der Psychiatrie wird das Burnout aber auch als Risikofaktor für das Entstehen einer Depression angesehen. Auch zur anhaltenden Erschöpfung – chronic fatigue syndrome – bestehen Beziehungen.“

Und weil die Symptomatik des Burnouts so kompliziert ist, kann es auch über psychosomatische Beschwerden hin zu ernsthaften Erkrankungen führen. „Es besteht eine Assoziation zwischen Burnout und Herzbeschwerden, Hauterkrankungen und muskulo-skelettalen Erkrankungen“, sagt der Internist. „Auch für die Entwicklung eines Diabetes mellitus etwa durch Frustessen kann es verantwortlich sein. Die Morbidität psychosomatisch wie somatisch nimmt mit dem Schweregrad des Burnout eindeutig zu.“

Depression und Burnout liegen dicht beieinander.

Doch wenn das Burnout nicht in der Liste der ICD-10 aufgeführt ist, ist es dann überhaupt eine Krankheit? Auch das stellt Dr. Vesper klar: „Das Burnout ist jedenfalls sozialmedizinisch ein bedeutendes gesundheitsökonomisches Problem. Nachgewiesen ist, dass 12,5 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland sich durch ihre Arbeit überfordert fühlen. Zahllose Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen werden auf der Grundlage eines vermuteten oder diagnostizierten Burnouts ausgestellt. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information, kurz DIMDI, hat wegen der gesundheitsökonomischen Bedeutung einen HTA-Bericht – health technology assessment – erstellt, aus dem hervorgeht, dass es wünschenswert wäre, den unscharfen Begriff zu definieren.“

„Die Diagnosestellung beruht schwerpunktmäßig auf der Selbsteinschätzung der Betroffenen“, erklärt Dr. Vesper. „In den Kategorien emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und Leistungsunzufriedenheit werden Fragen gestellt und bewertet. Es gibt etliche Burnout Messinstrumente, das bekannteste ist vielleicht das Maslach Burn-out-Inventar, das MBI.“ Doch was empfiehlt der Internist seinen Burnout-Patienten?

„Medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva kann in schweren Fällen und entsprechender Symptomatik  erwogen werden“, meint er. „Jedenfalls empfehle ich die Erleichterung durch Reduktion von Belastungen und Stressoren. Erholung sollte durch Entspannung und Sport erzielt werden. Aber Vorsicht: auf jeden Fall ist Freizeitstress zu vermeiden!“

Weiter empfiehlt der Arzt, das sich der Patient mit seiner Vorstellung von externer Perfektion und Arbeitsstruktur überdenken sollte. „Mir ist klar, das ist alles natürlich leichter geraten als umgesetzt“, sagt er verständnisvoll. „In Zeiten der durch-ökonomisierten Arbeitswelt, glaubt man, deren Göttern Arbeitsverdichtung, Gewinnoptimierung und Wachstum adäquat nur durch zunehmenden Druck huldigen zu können.“

Ruth Hoffmann (Gespräch)

repor-tal (Photos)

Informationen: www.dr-vesper.de

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