Jubel für die unterdrückte Frau!

Spritzig und voll Leben: Globe on Tour beim Neusser Shakespeare-Festival.

Wie zu Shakespeares Zeiten bietet die Londoner Truppe Globe on Tour dem Publikum die freie Wahl: Welches Stück sollen wir spielen? The Merchant of Venice? Twelfth Night? Oder The Taming of the Shrew? Bei der ersten Aufführung im Neusser Globe gewann ‚Kiss me Kate‘.

Die eigenwillige Katherina (Rhianna McGreevy, l.) drangsaliert ihr Schwesterchen Bianca (Sarah Finigan).

Sollte man es für möglich halten, wie das Publikum kreischen kann!? Nein, wir sprechen nicht vom tosenden Beifall am Ende der Aufführung, sondern bei der Wahl des Stückes. Der Geräuschpegel soll die Entscheidung bringen. Ein Freiwilliger unter den Zuschauern darf das neutrale Urteil fällen. Er kommt nicht umhin, The Taming of the Shrew zu bestätigen. – Und schon beginnt das Spiel. Die Schauspieler schlüpfen rasch in Kostüme, und wir sind in Padua.

Im wahrsten Sinne des Worte aus dem Stand beginnen sie vor einer einfachen Kulisse, einer Wand mit zwei Durchgängen und einer Doppeltür in der Mitte. Schlicht, neutral, denn sie muss ja im Zweifel allen drei Stücken gerecht werden. Diese Truppe könnte wie zu Shakespeares Zeiten auf jedem Marktplatz aus dem Karren springen und ihr Stück aufführen. Jeder Mime dieser Wandertruppe stapft und tanzt in soliden schwarzen Schnürstiefeln herum.

Noch läßt sich Käthchen nicht von Petrucchio (Colm Gormley) beeindrucken…

Was folgt, ist die klassische Geschichte um die widerspenstige Katharina und ihre brave Schwester Bianca. Rhianna McGreevy mit wilder, leuchtend roter Mähne ist eine vollendete Verkörperung des Käthchens. Und Sarah Finigan gelingt der Doppelrollen-Spagat zwischen der braven liebreizenden Bianca und dem frechen Grumio ausgezeichnet. Grumio ist Diener von Petrucchio, dem Mann, der Katharina ‚zähmt‘.

Alle acht Schauspieler bringen eine sehr gute Leistung. Immerhin müssen sie drei komplette Shakespeare-Stücke im Kopf haben. Das Publikum könnte sich ja auch für eines der beiden anderen entscheiden. Fetzig und flockig ist die Musik von Bill Barclay, die das Schauspiel umrahmt ist und einige Szenen untermalt, live von den Schauspielern gespielt und auch gesungen. Jeder Darsteller spielt ein anderes Instrument von der Quetsche bis zum Löffel-Paar. Eine charmante Unterbrechung des ziemlich klassisch gespielten Stückes.

… doch gibt sie sich letztendlich geschlagen.

Die Darbietung gipfelt im Schluss-Monolog der Katharina: Rhianna McGreevy trägt ihn mit so viel Pathos und Timbre vor, dass man im Publikum die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören. Donnernder Applaus bescheinigte der Truppe ihren durchschlagenden Erfolg mit dieser Aufführung.

Erstaunlich, dass diese schlichte Story von der Unterwerfung der Frau, konventionell umgesetzt wie zu Shakespeares Zeiten und noch Jahrhunderte danach, auch beim weiblichen Publikum rückhaltlose Begeisterung auslöst. Shakespeares ‚Zähmung‘ könnte auch anders interpretiert werden.

Globe on Tour ist noch zweimal am 26. Juni 2018 beim Shakespeare-Festival in Neuss zu sehen. Mit welchem Stück – das entscheidet jeweils wieder das Publikum.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, © Christoph Krey

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.shakespearesglobe.com

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