Far niente als Erfolgsrezept

Neugierig machen das ‚Vorwort für Eilige’ und am Schluss das Kapitel ‚Muße für Eilige – dieses Buch in Kurzform’. Sollte da jemand die Sache weniger dogmatisch, dafür mit Humor und einer Prise Selbstironie angehen?

Denn eigentlich wissen wir ja alle nur zu genau, dass uns mehr Ruhe und weniger Hetze gut täten – aber wie stellt man das an? „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu“ zitiert Ulrich Schnabel Ödön von Horvath und umreisst damit sein Ziel: den Leser dabei zu unterstützen, sich in seinem Leben zuhause zu fühlen und so sein Glück zu finden.

Gut 280 Seiten, klar gegliedert in überschaubare Kapitel, erwarten den Leser. Dabei geht der Autor weder naiv noch sektiererisch vor: er zeigt detailreich die Bedingungen unseres Alltags in einer Informations-, Leistungs- und ‚Beschleunigungsgesellschaft’ auf.

Er fordert uns nicht auf, diese Umgebung und ihre Ansprüche zu ignorieren. Er hat statt dessen wissenschaftlich fundierte Argumente gesammelt, die die Mechanismen unserer aktuellen Lebenswelt aufdecken: „Dieses Buch will Sie (…) nicht nur vor einem Burn-out bewahren, sondern auch die Ursachen der überall spürbaren Beschleunigung analysieren“.

Dazu zitiert er Ergebnisse aus der aktuellen Hirnforschung ebenso wie sozialmedizinische und psychologische Erkenntnisse. Es ist also ein Buch der Aufklärung, das auf die bewusste Auseinandersetzung des Lesers mit seinem Stoff setzt. Es ist – von der Schlusszusammenfassung ‚für Eilige’ abgesehen – genauso wenig einfach konsumierbar, wie es die ‚Muße’ ist.

Muße ist kein konsumierbares Gut, aber auch kein „erschöpftes Abhängen“. Der Autor widmet sich sogar ausführlich den leistungssteigernden Effekten des scheinbaren Nichtstuns , so dass sich zwischenzeitlich die Befürchtung einschleicht, dass er eigentlich vom ‚Erfolg’ des Nichtstuns statt vom ‚Glück’ sprechen will.

Doch das Argument, „dass das Nichtstun selbst dann wert- und sinnvoll ist, wenn man es ausschließlich nach den Maßstäben der modernen Leistungsgesellschaft beurteilt“, ist wichtig. Wir brauchen es zur Legitimation, zur Entlastung vor dem Anpassungsdruck: wir dürfen auch Zeiträume haben, in denen nichts passieren muss, nicht einmal Entspannung!

Um die Voraussetzungen für Muße zu definieren, greift er auf philosophische Grundbegriffe zurück: Selbsterkenntnis; Leben als Zeitspanne zwischen Geburt und Tod und damit als „endlich“ zu begreifen – die Zeitnot, die daraus resultiert und das Mehr, Schneller, Weiter hervorruft; und schließlich als Bedingung für ein glücklicheres Leben die „Fähigkeit“, „das Glück eines Augenblicks auch wirklich ausschöpfen zu können.“

Er thematisiert sehr ehrlich die Schwierigkeiten, die wir bewältigen müssen, wenn wir uns von der „Wettbewerbslogik der Wirtschaft“, die „Einzug in nahezu alle Lebensbereiche gehalten hat“ (und so unser gesamten Wertesystem beherrscht), nicht mehr dominieren lassen wollen. Es geht dabei nicht um den Ausstieg, die große Lebensrevolution, sondern um die kleinen Schritte. Und er liefert ganz praktische Anregungen:

  • mit Vorbildfunktion die „Galerie grosser Müssigänger(innen)“
  • Checklisten für Selbsttests z.B. zum Thema „Droge Information“ oder zur Selbsteinschätzung der Eigenmotivation
  • Verhaltensstipps thematisch zusammengefasst z.B. zu Schlaf und Hirnleistungen bis hin zur Anleitung einer einfachen Atemmeditation
  • Immer wieder eingestreut in jedem Kapitel neben den theoretischen Aussagen konkrete kleine Handlungsvorschläge, die unkompliziert im Alltag Platz finden

Der Autor ist Journalist und Naturwissenschaftler. Das sind die Grundvoraussetzungen für dieses Buch, das eine komplexe Materie nicht durch Simplifizierungen verfälscht, aber auch nicht in Bedeutungsschwere ertränkt. Ulrich Schnabel argumentiert sowohl wissenschaftlich exakt als auch gut nachvollziehbar. So sind die theoretischen Aussagen jeweils durch konkrete Beispiele erklärt. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise zu sich selbst. Und die beginnt erst so richtig, wenn man das Buch zur Seite legt…

Lea Tebke (Text)

Boris Rostami-Rabet (Photo Ulrich Schnabel)
Randomhouse (Cover)

Informationen: www.randomhouse.de

Gebundene Ausgabe:
Ulrich Schnabel: Muße. Vom Glück des Nichtstuns.
Blessing Verlag, 2010, 288 Seiten mit 15 s/w Abbildungen, 19,95 Euro
ISBN 978-3-89667-434-0

Paperback:
Verlag Pantheon, 2012, 14,99 Euro
ISBN 978-3-570-55175-2

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