Wer stutzt,
der bremst

Eine pfiffige Methode der Verkehrsberuhigung wird von der Stadt Leer praktiziert. Man bastelt eine Kombination aus mehreren Verkehrsschildern auf eine Weise zusammen, dass sie einander auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. So ist der ortsfremde, aber gesetzestreue Autofahrer gezwungen anzuhalten, um zunächst darüber nachzudenken, welche Schlüsse er aus dem dargebotenen Schilderquartett zieht.

Ein solches Leeraner StVO-Rebus stellt sich wie folgt dar:

Verkehrsschilder
Preisfrage: Wer darf hier durch?

Folgt man der in unserer Kultur üblichen Reihenfolge des Lesens von links nach rechts und zeilenweise von oben nach unten, dann ergibt sich folgende Botschaft:

1. Autos und Motorräder dürfen hier nicht durch.

2. Vor uns liegt eine Fahrradstraße.

3. Das alles gilt nicht für Anlieger.

4. Es gilt auch nicht für Autos und Motorräder.

Nach dieser Lesart bleibt von der Vorschrift nichts übrig, weil sie sich sozusagen selbst aufhebt, wie Lichtenbergs berühmter Ausdruck: „Ein Messer ohne Klinge, welchem der Stiel fehlt.“

Nun wird man der – wiewohl auch ostfriesischen – Behörde nicht unterstellen können, Steuergelder für schieren Nonsens aufzuwenden, oder? Betrachten wir die Sache einmal wohlwollend nach dem Motto: Kommunikation ist nur möglich, wenn der gute Wille zur Verständigung auf beiden Seiten vorhanden ist.

Nehmen wir also mal die linke und die rechte Hälfte des Schilderquartetts jeweils für sich allein. Dann liegt demnach also vor uns:

– eine Fahrradstraße, die jedoch für Autos und Motorräder ausdrücklich freigegeben ist

und zugleich gilt dort

– ein Verkehrsverbot für Autos und Motorräder, allerdings

– nicht für Anlieger.

Die rechte Schilder-Kombination gestattet uns die Durchfahrt ausdrücklich; die linke würde sie uns nur erlauben, wenn unser Fahrtziel in der vor uns liegenden Straße läge.

Auf den Weg zur Lösung sind wir aber nur gekommen, indem wir nach Art der Ostfriesen erstmal eine Tasse Tee zu uns genommen haben. Das Schilder-Ensemble steht nämlich unmittelbar vor einem alten Kolonialwaren- und Tee-Handelshaus! Und: Tee stammt bekanntlich aus China. Hmm…

– Schreiben die Chinesen nicht traditionell von oben nach unten und in senkrechten Zeilen von rechts nach links?

So herum gelesen, ergibt sich folgende Botschaft:

1. Vor uns liegt eine Fahrradstraße.

2. Trotzdem dürfen hier Autos und Motorräder durch.

3. Ätsch, Autos und Motorräder dürfen hier aber doch nicht durch!

4. Letzteres gilt wiederum nicht für Anlieger.

Wenn man nun die Regeln der chinesischen Schrift, der Logik und der Mengenlehre in der richtigen Reihenfolge anwendet, lässt sich die Schnittmenge aus den einander scheinbar widersprechenden Ge- und Verbots- sowie Ausnahme-Schildern ermitteln. Sie lautet:

Mit dem Auto dürfen hier nur Anlieger durch!

Das hätte man zwar auch mit weniger Schildern mitteilen können, aber eine eindeutige Beschilderung wäre plumper Verständlichkeit unmittelbar ausgesetzt und hätte wohl kaum den beabsichtigten bremsenden Effekt: Wer stutzt, fährt halt langsamer!

Schorsch Bonks

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