Shakespeare gegen Brexit

Bertram (Craig Fuller) bezirzt Diana (Isabella Marshall)
Bertram (Craig Fuller) bezirzt Diana (Isabella Marshall).

Die letzte Vorstellung des diesjährigen Neusser Shakespeare-Festivals bekam eine nicht erwartete politische Brisanz durch die vorherige Brexit-Abstimmung in Großbritannien am Vortag. Nicht nur dass die englischsprachige Aufführung stark von Briten besucht war; das Ensemble der Tobacco Factory aus Bristol gab ein eindeutiges Statement am Ende.

Die Witwe Capilet (Nicky Goldie, l.) und Diana (Isabella Marshall)
Die Witwe Capilet (Nicky Goldie, l.) und Diana (Isabella Marshall)

Donnernden Applaus erhielt die Truppe ‚Shakespeare at the Tobacco Factory‘ aus Bristol am Schluss ihrer Darbietung. Als Eleanor Yates und Craig Fuller, gerahmt von ihren Kollegen auf der Bühne aber zwei Plakate mit dem europäischen Sternenkranz hochhielten, steigerte sich der Beifall noch einmal und emotionale Rufe wurden laut. Diese Geste bedurfte keiner weiteren Worte. Unmissverständlich gab die Truppe damit zum Ausdruck, dass sie hinter dem europäischen Gedanken steht. Danach ging das Ensemble schweigend von der Bühne ab.

Eleanor Yates gibt die hartnäckige Helena.
Eleanor Yates gibt die hartnäckige Helena.

‚Shakespeare at the Tobacco Factory‘ (stf) engagiert sich stark für die kulturelle Bildung im Westen Englands zwischen Lancaster und Scarborough, Salisbury und Winchester.  Das Ensemble bietet auf seiner website auch viel Material für den Unterricht von Schülern und Erwachsenen.

15 Schauspieler umfasst das Ensemble aus Bristol. Das entspricht der Anzahl von Schauspielern, die auch Shakespeare damals zur Verfügung stand. Doch im Gegensatz zur Renaissance-Zeit dürfen heute auch Frauen auf der Bühne stehen. Ganz klassisch ist jede Rolle bei ‚Tobacco‘ von einem Schauspieler besetzt.

Paul Currier spielt die Rolle des Parolles mit viel Witz.
Paul Currier spielt die Rolle des Parolles mit viel Witz.

Klassisch und mit dem Witz, der dem Stück eignet, kam auch die Inszenierung daher. Die Handlung des Stückes ‚All’s Well That Ends Well‘ spielt zwar ursprünglich im Frankreich und Norditalien zwischen ausgehendem Mittelalter und Renaissance; eine Quelle ist Boccaccios Decamerone. Aber die Bühne und die Kostüme, gestaltet von Max Johns, versetzen die Inszenierung von Andrew Hilton in den historischen Kontext des 19. oder beginnenden 20. Jahrhunderts, einer Zeit, deren blutige Kriege geprägt waren durch die Rivalitäten zwischen den europäischen Nationalstaaten. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in Europa wirkt das wie ein Menetekel.

Dabei zieht der selbsternante Kriegsheld Parolles (Paul Currier) gerade die großmäulige Attitude des nationalistischen Großmauls gekonnt durch den Kakao. Es ist der Typ, den die Gattung der Komödie schon seit der Antike gern verwendet: schon Plautus machte den ‚Miles gloriosus‘ vor seinem Publikum zum Gespött.

Gräfin Rossillion, Bertams Mutter, (Julia Hills) und Lord Lafew (Ina Barritt) sind entsetzt über Helenas vermeintlichen Tod.
Gräfin Rossillion, Bertams Mutter, (Julia Hills) und Lord Lafew (Ina Barritt) sind entsetzt über Helenas vermeintlichen Tod.

Doch hoffen wir für alle Briten, die gegen den Brexit gestimmt haben, und für alle, die den europäischen Gedanken nicht für kurzsichtige nationalistische Interessen aufgeben wollen, dass die Entwicklung sich am Ende doch noch zum Guten wendet, ganz nach dem Motto dieses Stückes: Ende gut – alles gut.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.stf-theatre.org.uk

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