Wer sind wir Beutepreußen?

Warum halten die Bayern die Rheinländer für ‚Preußen‘, und die Rheinländer selbst finden sich in diesem Begriff eigentlich kaum wieder? „Der Preuße an sich ist dem Rheinländer suspekt“ beginnen denn auch die beiden Bürgermeister von Leverkusen und Jülich ihr Grußwort zu Eingang dieses umfangreichen Bandes.

Das Rheinland war in früheren Jahrhunderten ein Zankapfel zwischen den Mächten, und das schon seit dem Mittelalter. An Preußen sind die Rheinländer nach dem Sturz Napoleons 1815 geraten. Der Wiener Kongress hat so entschieden. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges setzte der Epoche ein Ende.

Aufgrund der Herausgeber – es sind die Geschichtsvereine der beiden Städte Jülich und Opladen (letzteres heute ein Teil von Leverkusen) befassen sich viele Beiträge mit diesen Städten sowie mit vergleichenden Untersuchungen. Dennoch ist der Band nicht nur für lokal interessierte spannend. Die Zeit der preußischen Rheinprovinz steht nämlich vor allem für enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Industrie expandiert, die Städte wachsen mächtig an. Die Verwaltung muss ganz neuen Ansprüchen gerecht werden. Die Preußenzeit ist insofern der Beginn der Moderne in dieser dicht besiedelten Region Westdeutschlands.

Wenn sich heute in vielen Teilen des friedlich vereinigten Europas nationalistische und isolationistische Bewegungen rühren, ist es um so spannender zu lesen, welche (Vor-)Urteile unter den Nachbar-Nationen über ‚uns‘ als Preußen kursierten, welches ‚Image‘ wir damals hatten. Diesem Thema gilt ein Beitrag des Historikers Mahmoud Kandil.

Was ist unsere ‚Identitat‘, was ist ‚typisch‘ für uns? Diese Fragen sind weder für uns Deutsche im Allgemeinen noch für Rheinländer im Besonderen leicht zu beantworten. Denn alle Klischees vom Michel mit der Schlafmütze bis zum Seppl mit der Lederhose beziehen sich mehr oder weniger nur auf Regionen, die zwar Deutsch, aber bloß regional und jedenfalls selten rheinländisch sind. Und mit dem Karneval und der Narrenkappe fühlen wir uns auch nicht treffend typisiert – geschweige denn mit dem militärisch geprägten Typ des ‚Kommisskopfes‘.

Das Militär prägte aber den Charakter des preußischen Staatswesens bis in die Schulen hinein, und die Lage der Rheinprovinz an der Grenze zum Rivalen Frankreich sorgte dafür, dass die Militärs auch in dieser Region und Epoche stark prägend wirkten. Die karnevalistische Narrenkappe ist in gewisser Weise eine Ikone des Gegenpols; denn der Karneval erwächst aus der katholischen Tradition, die sich zeitweise in einem auch so genannten ‚Kulturkampf‘ gegen die protestantische Macht Preußen behaupten musste.

Text: repor-tal

Cover mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.juelich-gv.de, www.ogv-leverkusen.de

Guido von Büren, Michael D. Gutbier (Hrsg): Das preußische Jahrhundert. Jülich, Opladen und das Rheinland zwischen 1825 und 1914
Jülicher Forschungen 11, 2016
Pagina-Verlag, Goch, Jülicher Geschichtsverein 1923 e.V., Opladener Geschichtsverein von 1979 e.V.
624 Seiten, ca. 18x24cm, fester Einband, viele Fotos, Karten
€ 29,80 Euro
ISBN 978-3-944146-68-3

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