Das Märchen von der Müdigkeit

Wenn Eis und Schnee verschwunden sind, die Tage länger werden und die Temperaturen steigen, wenn in Pflanzen der Saft wieder zu steigen beginnt, dann erfasst die Natur ein allgemeines Erwachen und Beleben. Leider erleben viele von uns an sich selbst so etwas wie das Gegenteil davon: Wir fühlen uns schlapp, müssen unvermittelt gähnen und würden uns am liebsten irgendwo hinlegen und ein Nickerchen machen. „Frühjahrsmüdigkeit“ nennt man diese Erscheinung im Volksmund.
Es gibt eine ganze Reihe von Versuchen, dieses Gefühl zu erklären. Besonders beliebt ist es, dafür Untersuchungen amerikanischer Wissenschaftler zu zitieren. Bekanntlich kann man praktisch jede Hypothese, an der die Werbung oder die Medien interessiert sind, mit Untersuchungen amerikanischer Wissenschaftler sowohl be- als auch widerlegen.
Viele Untersuchungen beschäftigen sich mit dem Wechselspiel der Hormone Serotonin und Melatonin. Serotonin wirkt belebend, Melatonin beruhigend auf unser Gehirn. Nun hängt die Bildung von Serotonin zwar nachweislich von der Sonneneinstrahlung ab – aber das würde eine zunehmende Müdigkeit im Frühling gerade nicht begründen.
Vertreter dieser Hypothese zur Begründung der Frühjahrsmüdigkeit helfen sich aus der Klemme mit einer Ad-hoc-Erklärung etwa in der Art, die Hormone würden gewissermaßen ‚verrückt spielen‘.

Spielen die Hormone verrückt?

Andere Erklärungen wirken ähnlich fadenscheinig: Kürzere Nächte würden zu kürzerem Schlaf führen – daher die Müdigkeit. Das mag für Menschen gelten, die in der freien Natur leben. Für uns Zivilisationskinder, deren Rhythmus weitestgehend von der Organisation unseres Berufsalltags gesteuert wird, klingt das wenig plausibel.
Elegant, aber ebenfalls ziemlich weit hergeholt klingt die Hypothese, die Wärme führe zu einer Ausdehnung der Blutgefäße und das wiederum zu einer Senkung des Blutdrucks, mithin fühle man sich schlapp. Dabei ist man doch bei besserer Witterung häufiger im Freien, kleidet sich luftiger und dreht die Heizung herunter.
Unser medizinischer Gewährsmann, Dr. med. Johannes Vesper, hält denn auch von all diesen Hypothesen nichts:

Dr. Johannes Vesper

„Frühjahrsmüdigkeit ist kein medizinisch erfassbares Phänomen“, stellt der Internist klipp und klar fest. Wenn wir uns müde fühlen, wenn die ersten lauen Lüfte wehen, dann sei dafür keine medizinische Ursache bekannt. „Auch hormonelle Umstellungen sind nicht abhängig vom Wetter oder der Jahreszeit“, so Dr. Vesper weiter. „Melatonin hat anscheinend eine gewisse jahreszeitliche Rhythmik und spielt bei Jetlag eine Rolle. Für einen therapeutischen Einsatz gibt es aber keine gesicherten Erkenntnisse.“
Einen gewissen ‚Jetlag‘-Effekt kann es allerdings in dieser Jahreszeit geben, aber auch der ist künstlich erzeugt, nämlich durch die Umstellung von der normalen- auf die Sommerzeit. Viele Menschen brauchen einige Tage oder sogar Wochen, bis sich ihre biologische Uhr ebenfalls eine Stunde weiter gestellt hat.

Was kann man tun?

Bleibt die Frage: Was können wir tun, um die Müdigkeit zu überwinden? der Arzt empfiehlt ausreichend Schlaf und all die bekannten Methoden, mit denen man frischer und kräftiger wird, zum Beispiel Wechselduschen und sportliche Aktivität.
Dagegen helfe es nichts, den Blutzuckerspiegel anzuheben oder sich mit Nahrungsergänzungsmitteln aufzupäppeln. Gar nichts hält der Mediziner auch davon, sich unter die künstliche Sonne zu legen, anstatt sich im Freien zu tummeln: „Von der Sonnenbank ist dringend abzuraten. UV-Licht schädigt die Haut irreversibel.“
Fazit: Was allgemein als förderlich für die Gesundheit anerkannt ist, nämlich gesunde Ernährung, Bewegung, Verhaltensweisen, die wir hier nicht zum aberhundertsten Mal ausbreiten müssen, das hilft auch gegen die tatsächliche oder vermeintliche Frühjahrsmüdigkeit.
Die ist nämlich vielleicht gar nicht so charakteristisch für die Jahreszeit. Spötter haben immer schon gefrotzelt: Sie schließt sich unmittelbar an den Winterschlaf an und geht oft nahtlos in die Herbst-Depression über…

repor-tal (Text)

Peggy Bogner, olly/Fotolia.com (Photos)

Information: www.dr-vesper.de

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Kommentare 1

  • Der fachkundige Dr. Vesper mag Recht haben. Ich bin jedoch – noch bevor die Zeit umgestellt wird – eine bis zwei Wochen müde ohne Grund. Es ist um die Zeit, seit Jahren, immer das Gleiche.

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