Sternstunde in der Steingrotte

Für christliche Israel-Touristen gehört ein Besuch der Geburtskirche in Bethlehem natürlich zum Standardprogramm. Bethlehem liegt rund zehn Kilometer von der Jerusalemer Altstadt entfernt im palästinensischen Autonomiegebiet. Wer mit einer Reise- oder Pilgergruppe unterwegs ist, braucht sich um die Organisation nicht zu kümmern. Wenn Geld keine Rolle spielt, kann man sich möglicherweise einem der arabischen Taxifahrer anvertrauen, die sich Touristen in Jerusalem hartnäckig aufdrängen.

Busfahren in Jerusalem ist Stress - selbst für die Busfahrer

In der Westbank darf man als Tourist nicht mit dem Leihwagen herumfahren. Wer auf eigene Faust unterwegs ist, kann sich einer Bustour anschließen, die von Jerusalem aus organisiert werden. Arabische Busse starten am Damaskustor der Altstadt. Busfahren in Jerusalem ist einerseits Nervensache, andererseits muss man sicher stehen und sich gut festhalten. Die Fahrt nach Bethlehem dauert angeblich eine halbe Stunde.

Wir haben es nicht ausprobiert, sondern sind mit dem Leihwagen bis zum Checkpoint gefahren. Dort gibt es einen Parkplatz. Heute ist Schabbat, deswegen herrscht nicht das übliche Gedränge. Freundliche, aber schwer bewaffnete Polizisten zeigen uns den Weg durch das Labyrinth der Sperrzäune, wo man sich als Fremder leicht verirrt. Wir passieren den Checkpoint der israelischen Polizei zu Fuß. Hier werden nicht nur die Pässe, sondern auch die Taschen gründlich kontrolliert.

Auf der andere Seite warten die Taxis. Mit deren Fahrern muss man vor dem Einsteigen erst um den Fahrpreis feilschen. Von unserem Jerusalemer Freund wissen wir, dass die Fahrt nach Bethlehem höchstens zwanzig Schekel kostet. Zu unserer Verwunderung verlangt der Fahrer auch nicht mehr, also steigen wir ein.

Während der Fahrt spult der Taxifahrer sein Marketing-Programm ab. Was er uns alles persönlich zeigen, wo er auf uns warten wolle, dass sein Bruder ein ausgezeichnetes Teppichgeschäft führe… Wir lehnen immerfort dankend ab und kommen endlich auf dem Vorplatz der Geburtskirche an mit dem Gefühl, wir hätten zu Fuß nicht länger gebraucht. Jetzt eröffnet uns der Fahrer, der Preis von 20 Schekel gelte „per person“. Empörung unsererseits, erneutes Feilschen, schließlich Einigung auf 30 Schekel – wieder mal Lehrgeld gezahlt.

Schummrig im Morgenlicht: die Geburtskirche. Unter den geöffneten Bodenplatten liegen antike Mosaiken

Wir haben uns um fünf Uhr morgens auf den Weg gemacht und müssen jetzt eine halbe Stunde warten, bevor die Geburtskirche um 10 Uhr öffnet. Alles Wissenswerte darüber findet man in diversen Büchern und im Web. Hier sei nur soviel gesagt: Sie ist ein grobes, steinernes Trumm wie eine Kreuzritterburg. Ihr stolzes Alter und wechselhaftes Schicksal ist ihr deutlich anzusehen.

Die Demutspforte kann man nur gebeugt passieren

Wir gehören zu den ersten Touristen, die durch die nur etwa meterhohe sogenannte Demutspforte hineinkriechen. Die byzantinische Geburtskirche ist eine finstere Halle. Trotz der vielen Öllampen unter der Decke sind die rußgeschwärzten Wandmalereien kaum noch zu erkennen. Unter Ruß und Staub liegt auch der Altar der Heiligen drei Könige. Die Legende erzählt, dass die sarazenische Eroberer im Mittelalter die Kirche nur seinetwegen nicht zerstört hätten: sie hielten die drei orientalisch gewandeten Weisen für ihresgleichen.

Die orthodoxe Messe hat schon begonnen. Vor der Treppe, die hinunter in die Geburtsgrotte führt, weist uns ein Pope ab: Wir sind erst in zwei Stunden an der Reihe. Dass wir keine Russen sind, scheint er uns irgendwie anzusehen. Übrigens: Der Rat unseres ‚Baedeker’, möglichst früh hier einzutreffen, ist offenbar eine Ente.

Lichtdurchflutet: Die neugotische Franziskanerkirche

Wir beschließen also, erst die katholische Kirche anzuschauen. Im Gegensatz zu dem byzantinischen Urgestein ist die seitlich anschließende Franziskanerkirche aus dem 19. Jahrhundert (aus der die Fernsehbilder zu Weihnachten übertragen werden) ein lichtdurchfluteter neogotischer Bau. Überrascht stellen wir fest, dass man sie durch einen Vorgarten und ein ganz normales Portal betreten kann und von dort wiederum durch eine ganz normale Tür in die Geburtskirche kommt. Wir hätten uns also gar nicht durch die beklemmende ‚Demutspforte’ quälen müssen.

Orthodoxe Priester in der Geburtskirche

Irgendwann am Vormittag öffnet die kleine Kaffeebude auf dem Vorplatz. Dann trifft eine italienische Reisegesellschaft ein, der wir uns unauffällig anschließen. In der Geburtsgrotte ist die orthodoxe Messe zwar vorbei, aber jeder Pilger möchte schnell noch den silbernen Stern küssen, der die Geburtsstelle markiert. Das geht aus Platzgründen nur einzeln, was sehr zeitraubend ist. Unser Franziskanermönch von der katholischen Besatzung der Geburtskirche komplimentiert die letzten der orthodoxen Gläubigen mit Nachdruck aus der Grotte: „Get out! It’s our turn now.“

Um den silbernen Stern zu küssen, muss man in die Grotte kriechen

Als der katholische Priester mit seiner Messe beginnt, wird es ruhig in der engen Grotte. Der Italiener kämpft erkennbar selbst mit der Müdigkeit, der verbrauchten und weihrauchschwangeren Luft. Die Hostien, die er bei der Kommunion verteilt, tunkt er in den Wein – für einen Katholiken ungewohnt.

Den Rückweg zum Checkpoint machen wir zu Fuß. Der Weg führt aufwärts durch die Haupt-Einkaufsstraße des Städtchens. Die Auslagen sind voller Souvenirs und Devotionalien, aber auch Lebensmittel und Alltagswaren.

Der Weg in die Geburtsgrotte ist eng

Es gibt allerdings keine Schilder, die den Weg zum Checkpoint weisen. Stattdessen folgt uns hartnäckig ein junger Mann, der uns unbedingt dorthin führen will und uns eindringlich warnt, dass wir den Weg garantiert nicht allein finden. Wir lehnen trotzdem immer wieder dankend ab – und verlaufen uns auch prompt. Da taucht unser Möchtegern-Führer wieder auf und triumphiert. Jetzt hält er uns für sichere Beute. Doch nun packt uns erst recht der Ehrgeiz. Wir trauen uns sogar, einen schwer bewaffneten Posten der Palästinensischen Polizei nach dem Weg zu fragen. Er hilft uns auch freundlich weiter.

Die beiden israelischen Polizistinnen sind amüsiert, als wir den Inhalt unserer Taschen samt Kamera-Ausrüstung vor ihnen ausbreiten nach dem Motto: lieber gründlich kontrolliert als eine Bombe in der Stadt. „It’s okay“, lachen sie. Wir sind offenbar als ungefährlich eingestuft. Den jungen Mann, der vor uns an der Reihe war, haben sie dagegen zurückgeschickt. Er hatte ein Dutzend Limonadeflaschen im Rucksack. Die Polizistinnen vermuten, dass er sie in der Jerusalemer Altstadt an Touristen verkaufen wollte. Doch heute ist ja immer noch Schabbat.

repor-tal (Text & Photos)

Informationen: wikitravel.org

 

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