Die grimmige Miene
des alten Ambiorix

Tongeren, das auf französisch ‚Tongres’ und auf Deutsch auch ‚Tongern’ heißt, darf für sich in Anspruch nehmen, die älteste Stadt in Flandern und jedenfalls eine der ältesten Städte nördlich der Alpen zu sein.

Die Gründung der Stadt geht auf das Jahr 15 vor Christus zurück. Im Prinzip ist sie der Tatsache zu verdanken, dass der Mann, dessen überlebensgroßes Standbild mitten auf dem ‚Groote Markt’ im Stadtzentrum prangt, auf die Dauer politisch keinen Erfolg hatte.

Statue des Ambiorix
Ambiorix der Gallier

Der Mann auf dem Standbild, den jeder Asterix-Leser schon am Schnurrbart als gallischen Krieger identifiziert, heißt Ambiorix und hatte im Jahr 54 vor Christus mit Erfolg eine Schlacht gegen die Römer angeführt. (Das Denkmal setzte man ihm allerdings erst 1866, also in der nationalpolitisch heißen Phase vor der Gründung des Bismarck-Reiches.)

Rund 40 Jahre nach dieser sagenhaften Niederlage hatten die Römer längst endgültig gewonnen und brachten die Zivilisation ins Land der Belger. Die Stadt  ‚Aduatuca Tongorum’ gründeten sie an der ‚Via Belgica’, der antiken Vorläuferin der Autobahn E 313, zwischen Lüttich und Hasselt.

Tongeren, Groote Markt
In der Adventszeit muss sich der alte Heide Ambiorix vor der Kathedrale auch noch den Christbaum gefallen lassen.

Worauf, wie gesagt, Tongeren heute besonders stolz ist. Denn die Tongerer haben sogar ihrem postmodernen Verwaltungsgebäude den römischen Namen ‚Prätorium’ gegeben. Hätten der wackere Ambiorix und seine Gallier auf Dauer gewonnen, wäre Tongeren heute wahrscheinlich längst vergessen.

So aber ist bis heute die römische Stadtmauer zu besichtigen, die auf einer Länge von anderthalb Kilometern erhalten ist. Besonders eindrucksvoll ist ihre Größe, weil auch mittelalterliche Mauerreste erhalten sind. Somit kann man ermessen, wie klein die mittelalterliche Stadt im Vergleich zur antiken war.

Ambiorix schaut von seinem Sockel verächtlich an der eindrucksvollen Westfassade der Onze-Lieve-Vrouw-Basilika vorbei. Die gotische Kathedrale birgt unter anderem eine sehenswerte Schatzkammer. Wer ein Gefühl für kontemplative Orte hat, sollte aber unbedingt eine Zeit in dem Kreuzgang verbringen, der sich an die Kirche anschließt und noch aus dem 12. Jahrhundert stammt, also aus der Zeit ihres romanischen Vorgängerbaus.

Ein besonderes Gefühl vermittelt auch der Beginenhof. Wo im 13. Jahrhundert ledige und unabhängige Frauen zusammenlebten, sind heute meist Künstlerateliers. Etliche weitere Sehenswürdigkeiten der ältesten Stadt Belgiens sind auf einem fußläufigen Rundgang erreichbar, darunter das Waffenmuseum in der ‚Moerenpoort’, einem Stadttor aus dem Mittelalter, das ehemalige Stadtgefängnis und last but not least das beeindruckende Gallo-Römische Museum, im Jahr 2011 zum Museum Europas erkoren. Das aber ist ein Thema für sich.

Jan-Peder Lödorfer (Text)

repor-tal (© Photos)

Informationen: www.tongeren.be

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