Methode Mystik à la mode

Ein kurzweiliges, augenzwinkerndes, kluges Buch über den wohl berühmtesten christlichen Mystiker des Mittelalters – so wirbt der Vier-Türme-Verlag für das Buch Lass Mal! Mit Meister Eckhart ins Hier und Jetzt. Mit dem Lassen ist es aber so eine Sache…

Dieser Eckhart, genannt ‚Meister‘, geboren in Hochheim bei Gotha um 1260, gestorben in Avignon 1328, war seinen theologischen Kollegen ein Ärgernis, sicher wegen seiner eigensinnigen Ansichten und auch weil er großen Erfolg bei seinem Publikum hatte. 

Der Erfolg ist nie abgerissen. Auch in späteren Jahrhunderten wird Eckhart immer wieder in Anspruch genommen. Um nur einige zu nennen: Nikolaus von Kues im 15. Jahrhundert, der deutsche Idealismus im 19. Jahrhundert, Nazis wie Marxisten. Der Autorin Katharina Ceming ist durchaus bewusst, dass sie sich mit ihrem Büchlein dieser bunten Reihe anschließt, nämlich der 

Geschichte des „größten Mystikers des Christentums“, des „schlechtesten Scholastikers des Mittelalters“, des „rechtgläubigen christlichen Theologen“, des „arischen Denkers“, des „marxistischen Theoretikers“ und was noch so alles in ihm gesehen wurde. Kaum ein anderer mittelalterlicher Denker war und ist eine so wunderbare Projektionsfläche für Wünsche, Sehnsüchte und Ideologien wie Eckhart. (S. 19)

Ceming lässt Eckhart – nach einem Crashkurs durch seine Biographie – als Zeugen dafür antreten, dass einige Ideen, die sie der ostasiatischen Tradition entnommen hat, auch im Europa des Hochmittelalters zu belegen sind. Dieses Kapitel gerät wieder zu einem Crashkurs, bei dem Begriffe der hinduistischen und Mahayana-buddhistischen Philosophie kurz aufblitzen:

Vielleicht war Eckhart eine Art Satsang Lehrer, vielleicht auch nicht. (S.39)

Die vordergründige Intention der Autorin ist – typisch für den aktuellen Trend in der populären Theologie – therapeutischer Natur. Ganz gelassen im Hier und Jetzt lautet die Überschrift des Kern-Kapitels, das auch den Buchtitel geprägt hat. Allerdings findet sich hier wenig anderes als in der übrigen Buchproduktion der Abtei Münsterschwarzach zum Thema allgemeine Lebensweisheit:

Ich finde, der Weg des Zen-Buddhismus und der Achtsamkeitspraxis entsprechen in vielem dem, was Eckhart in seinem Werk verstreut seinen Hörerinnen und Hörern rät. (S.109)

Achtsamkeit, Gelassenheit … alles trendy wie gehabt. Die Formulierung Hörerinnen und Hörer offenbart aber auch den Knackpunkt, der Ceming wie auch anderen zeitgenössischen Theologinnen schwer zu schaffen macht, nämlich der patriarchale Charakter der Religion – kurz: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Immerhin zwölf der rund 100 Textseiten sind Ein gendertechnischer Exkurs: Wieso immer nur Söhne? Hier muss der alte Mönch aus dem 13. Jahrhundert auch noch als Vorfahr der feministischen Theologie herhalten. Dass sich in seinen Texten (wie in der Bibel) jede Menge Diskriminierendes gegen Frauen findet, deutet Ceming ganz gelassen als Beweis des Gegenteils:

Sich darüber zu mokieren, dass Eckhart (…) das Weibliche abwertet, weil er es mit einer bestimmten Erkenntnisweise verbindet, führt meines Erachtens zu nichts, denn Eckhart benutzte hier Bilder, die zu seiner Zeit Standard waren und die er bereits neu füllte. (S.99)

Die promovierte Theologin und Philosophin Katharina Ceming, bisher mit Titeln wie Denken hilft! und Denken macht glücklich hervorgetreten, schließt sich mit diesem Buch einer langen Reihe von Vorgängern (für Anhängerinnen und Anhänger der Gendermode: und Vorgängerinnen) an, die sich der Denk- und Kulturtraditionen Indiens und Chinas wie auch des Westens wie einer bunten Marktauslage bedienen und sich die Rosinen herauspicken, die ihrer aktuellen Intention zupass kommen – kurzweilig, augenzwinkernd und ganz gelassen.

Das Titelbild des Buches ist geradezu selbst-ironisch: ein Meister-Eckhart-Püppchen, das am Rückspiegel eines Autos baumelt, in dem die Abtei Münsterschwarzach zu erkennen ist. In Bezug auf die alten Fragen: Was können wir wisssen, was sollen wir tun (bzw. lassen)? sagt dieses Büchlein uns nichts Neues. Den Titel Lass mal! könnte man getrost auch auf die Lektüre selbst beziehen.

Text: Jan-Peder Lödorfer
Buchtitel-Bild mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Informationen: www.vier-tuerme-verlag.de

Katharina Ceming: Lass mal! Mit Meister Eckhart ins Hier und Jetzt
Vier-Türme Verlag, 125 Seiten, gebunden
16,- Euro
ISBN 978-3-7365-0517-7

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