Dieselbe brutale Freude

Warum unterstützen Menschen eine Person als Herrscher, die sich nicht einmal selbst beherrschen kann? Und: Gibt es Mittel und Wege, die daraus zwangsläufig folgende Katastrophe aufzuhalten? Diese Frage bewegt gewissenhafte Menschen seit jeher. Der Literaturprofessor Stephen Greenblatt zeigt am Beispiel der Dramen Shakespeares, wie Populismus funktioniert.

Der Autor erinnert sich ausdrücklich an den Anlass, warum er sich zu diesem Buch entschloss: … saß ich in einem grünen Garten auf Sardinien und äußerte meine wachsende Sorge über den Ausgang einer bevorstehenden Wahl. Mein Freund, der Historiker Bernhard Jussen, fragte mich, was ich deswegen tun wolle. „Was kann ich denn tun?“ fragte ich. „Du kannst etwas schreiben.“ Und das habe ich getan.

Stephen Greenblatt lehrt Literatur an der Universität Harvard und hat etliche Bücher über Shakespeare publiziert. Dieses ist anders; denn es geht um aktuelle politische Entwicklungen. Dabei schafft es der Literaturprofessor, herauszuarbeiten wie zeitlos gültig und zugleich aktuell Shakespeare ist.

Denn auch seine berühmten und weniger berühmten Dramen um Könige und andere Machtmenschen drehen sich um die zentrale Frage der Tyrannei skrupelloser Krimineller oder unfähiger Despoten: Wie funktioniere diese Typen und wie ihre Unterstützer?

Greenblatt zeigt eindringlich, wie Shakespeare seine Stücke an fremde Orte und in ferne Epochen verlegt, um die zu seinen Zeiten strenge Zensur zu umgehen und Strafen für sich und das Ensemble zu vermeiden (was nicht immer glückte).

Am Beispiel des Dramas um den englischen König Heinrich VI. führt der Autor mit Shakespeare vor, wie Populismus funktioniert, wie Mächtige mächtiger werden, indem sie Interesse für die Unterschicht heucheln, die ihnen in Wirklichkeit gleichgültig ist: Gleichgültig gegenüber der Wahrheit, schamlos und von aufgeblähtem Selbstbewusstsein, betritt der großmäulige Demagoge ein Fantasieland. Die aktuellen Bezüge auf Trump bleiben unausgesprochen; Greenblatt nennt aber Bin Laden und Pol Pot.

Als Beispiel für den Unfähigen, der an die Macht kommt, führt er mit Shakespeare Richard III. vor. Ausführlich zeichnet er Shakespeares Figuren vom Typ des ‚Ermöglichers‘ heraus, Nautznießer, Speichellecker, Anstifter, Intriganten.

Auch das Thema ‚Fake News‘ kennt schon Shakespeare: Es gibt keinen regulären Prozess, keinen repekt für zivilisierte Normen, keinen Anstand. In einer Gesellschaft, wo Verdacht und Gewissheit nicht zu unterscheiden sind, beweis man seine Loyalität, indem man die mörderischen Befehle des Tyrannen ausführt.

Der Tyrann von Stephen Greenblatt

Und als Gelehrter der Kulturgeschichte zeigt Greenblatt auch, dass Shakespeare nicht der erste war, der mit dem Problem der Tyrannei und ihrer fatalen Unterstützer zu kämpfen hatte. Hundert Jahre vor Shakespeare schrieb Thomas Morus in seiner Utopia: Wenn ich daher alle unsere Staaten, die heute in Blüte stehen, im Geiste betrachte, so stoße ich auf nichts anderes, so wahr mir Gott helfe, als auf eine Art Verschwörung der Reichen, die den Namen und Rechtstitel des Staates missbrauchen, um für den eigenen Vorteil zu sorgen.

Text: Jan-Peder Lödorfer
Umschlagbild mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Stephen Greenblatt: Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert
Siedler Verlag, 224 Seiten, gebunden
Preis 20 Euro
ISBN 978-3-8275-0118-9

Informationen: www.siedler-verlag.de

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