Die coole Süße aus den Dolomiten

Eisbecher der 1970er Jahre aus der Eisdiele Zampolli in Neuss © Stadtarchiv Neuss

Wenn der Sommer kommt, sind sie aus dem deutschen Straßenbild nicht mehr wegzudenken: die italienischen Eisdielen. Viel Tradition ist mit dem Eis verbunden. Und jeder Gelatiere, der auf sich hält, hat auch seine eigenen Familienrezepte. Das Clemens Sels Museum in Neuss greift diese Geschichte und Geschichten rund ums Eis auf mit der Ausstellung Gelato!

Gelato! Graffito des Neusser Künstlers Oldhaus, 2017

Museumsleiterin Dr. Uta Husmeier-Schirlitz legt großen Wert darauf dass „unsere Ausstellungen Geschichten erzählen. Wir möchten darstellen, wie handwerklich gemachtes Eis an den Niederrhein gekommen ist. Wir wollen ein authentisches Bild schaffen verflochten mit mündlichen Überlieferungen.“

Nachbau einer Eisdiele in der Ausstellung © Romina Pieper, CSM

„Mir hat dieses Thema besonders viel Spaß gemacht“, verrät Kurator Dr. Carl Pause. Das galt aber mehr seiner intensiven Beziehung zu Nord-Italien als seiner Vorliebe für die kühle Schleckerei. Denn das italienische Eis hat seinen Weg hauptsächlich aus der Alpen-Region zu uns geschafft. Eismacher aus Süd-Italien sind meist nach Großbritannien gegangen.

Altes Bauernhaus im Val di Cadore, Anfang 20. Jahrhundert, Postkarte

Aber, wie Pause aufklärt, „Eis gibt es in Europa schon seit Jahrhunderten. Das Speiseeis im heutigen Sinn ist aber erst im Barock, im 17. Jahrhundert entstanden. Damals war diese Neuheit Adeligen und Reichen vorbehalten. Erst die italienischen Eismacher machten die Leckerei für jedermann erschwinglich.“

Aber warum kam das Eis gerade aus Nord-Italien? Die Lösung ist einfach: Der italienische Alpen-Raum war eine eher ärmliche Region. Die Menschen dort mussten eigene Strategien entwickeln, um Geld zu verdienen. Am wahrscheinlichsten erscheint dem Kurator die Erklärung, dass ein Mann aus dem Val di Zoldo in den südlichen Dolomiten um 1860 nach Wien ging und dort das Eismachen erlernte. Er brachte diese Kunst in seine Heimat, und die Männer aus dem Tal zogen später aus, um ihre neue Ware zu verkaufen, zunächst in den KuK-Ländern Österreich und Ungarn.

Blick in die Ausstellung © Romina Pieper, CSM

Bedingung für das Handwerk war zunächst Eis, das man im Winter aus den zugefrorenen Seen schnitt und in Eis-Kellern verwahrte. Den Durchbruch brachte Carl von Linde in den 1870er Jahren mit seiner neu entwickelten Kühltechnik.

1893 kam dann der erste italienische Eismacher ins Rheinland und ließ sich in Mönchengladbach nieder. Hier wird immer noch Eis hergestellt, inzwischen in der vierten Generation. Doch der Erfolg der italienischen Gelatieri sorgte für Konkurrenzneid der deutschen Konditoren. Sie erreichten, dass vielerorts der Straßenverkauf verboten wurde, in Düsseldorf zum Beispiel 1910. Doch die findigen Italiener ließen sich dadurch nicht einschüchtern. Die ersten Eisdielen öffneten. Carl Pause beschreibt: „Sie haben sich wie kleine Gourmet-Tempel präsentiert, um dem schlechten Ruf wie, der ihnen nachgesagt wurde, entgegen zu wirken. Sie waren extrem sauber.“

Eiswagen aus den 1920er Jahren © repor-tal

Zunächst trugen die Eis-Cafés noch meist die Namen der Besitzer. Mit der Reisewelle, die in den 1950er Jahren viele Deutsche Urlauber nach Italien lockte, entdeckten die italienischen Eis-Konditoren in Deutschland den werbewirksamen Wiedererkennungswert touristischer Attraktionen und nannten ihre Cafés jetzt ‚Capri‘, ‚Lido‘ oder ‚Venezia‘ – auch wenn das nichts mit den Ursprungsorten des Speiseeises zu tun hatte.

Gleichzeitig entwickelten sich die Eisdielen auch zum Treffpunkt für Jugendliche. Dort durften sie hin; denn es gab keinen Alkohol, und das Lokal machte einen ordentlichen Eindruck auf die Eltern. So war das in den 1960er Jahren.

Alltagsgegenstände aus der Alpen-Region © Romina Pieper, CSM

Auch die Außengastronomie haben wir den Eisdielen zu verdanken. Die deutschen Urlauber lernten sie in Italien kennen, und die Eisdielen-Besitzer brachten dieses Urlaubsflair auf die deutschen Straßen.

In der Ausstellung ist eine Original-Eisdiele aus den 1950er Jahren aufgebaut. Unter den Eis-Deckeln stecken kleine Flaschen mit Duft-Erlebnissen: Vanille, Amarena, Schoko… Das macht Appetit auf ein Eis. Natürlich darf im Museum kein Eis gegessen werden. Aber draußen schmeckt es nach dem Rundgang um so besser. Gleich am Ausgang kann man echt handgemachtes italienisches Eis bekommen.

Die Schau ist bis zum 17. September 2017 zu sehen.

Tipp: Am 9. Juli gibt es ein ‚Fest del Gelato‘ von 11 bis 18 Uhr rund ums Clemens Sels Museum.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, Artikelbild © repor-tal

Informationen: www.clemens-sels-museum-neuss.de

Adresse:Clemens Sels Museum Neuss, Am Obertor, 41460 Neuss

Telefon: 02131 / 90 41 41

Öffnungszeiten: dienstags bis samstags 11 bis 17 Uhr, sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr

Eintritt: 5 Euro, jeder erster Sonntag im Monat ist der Eintritt frei

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:

Carl Pause (Hrsg.): Gelato! Italienische Eismacher am Niederrhein
94 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
12,95 Euro
ISBN 978-3-936542-83-7

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