Seltsam ist nicht spannend

‚Die Seltsamen‘ heißt das Debut des US-Nachwuchs-Autors Stefan Bachmann. Zusammen mit dem Nachfolgeband ‚Die Wedernoch‘ ist es jetzt auf Deutsch erschienen. Leider ist es angesichts des ‚Phantasy‘-Booms weder besonders seltsam noch besonders spannnend.
In der phantastischen Literatur liegt nur ein schmaler Grat zwischen Klasse und Masse. Es kommt darauf an, wie man als Autor mit den ‚übernatürlichen‘ Elementen umgeht, dem Magischen, Mysteriösen, Irrationalen. Nur wenn ein Autor ein Gefühl dafür hat, wie man das Magische Moment einsetzt, ohne ihm seine Ambivalenz, seine Unberechenbarkeit zu nehmen, kann es dramaturgisch funktionieren.
Man kann es machen wie Fritz Leiber, bei dem die Magie meist nach hinten losgeht und die Helden doch wieder auf ihre gewöhnlichen Mittel angewiesen sind, oder wie Tolkien, dessen Kämpfe zwischen guten und bösen Zauberern eigentlich nicht spielentscheidend sind, oder wie Rawling, bei der alle Künste der berühmten Schule von Hogwarts entweder überraschend komisch oder psychologische Metaphern sind.
Wenn man einen eher schwachen Plot von der sattsam bekannten Kategorie Waisenjunge sucht den Vater/die Mutter/die Schwester, der/die vermisst wird und muss am Ende die Welt retten mit x-beliebigen Versatzstücken aus dem Motivkreis von Sagen und Märchen zu einem Roman verquirlt, darf man sicher auf einen gewissen Markterfolg rechnen – schließlich läuft sowas auch auf RTL plus – aber es ist keine Literatur, über die es sich groß zu reden lohnt.
978-3-257-24331-4So hat der US-Jungautor Stefan Bachmann (Jg. 1993) nach Auskunft des Diogenes-Klappentextes seine Inspiration bei Steampunk, Charles Dickens und C.S.Lewis bezogen. Der Steampunk ist bei ihm aber bloß Masche: Seine Schilderungen wimmeln von Dampfkutschen und uhrwerksgetriebenen Robotern, die aber keine andere Rolle spielen als gewöhnliche Fahrzeuge oder Figuren. Der Dickens ist Angeberei; denn sozialkritisch ist hier nichts; man könnte höchstens wohlwollend einräumen, dass der Autor mit seinen nervig oft wiederholten Schilderungen der Diskriminierung von ‚Mischlingen‘ zwischen Menschen und Fabelwesen eine modisch angesagte, politisch korrekte Ablehnung von Rassismus vertritt. C.S. Lewis ‚Chroniken von Narnia‘ stehen als Steinbruch jedem Autor zur Verfügung, der selbst nicht genug Phantasie besitzt.
978-3-257-24332-1Die Seltsamen von Stefan Bachmann und der Folgeband Die Wedernoch wären als Comic oder Anime akzeptabel, als Text sind sie ein fades Gefasel aus bekannten plausiblen und beliebig irrationalen Versatzstücken.
Bachmanns ’seltsames‘ Machwerk eignet sich auch nicht als Lektüre für Kinder; denn er schreckt auch vor drastischen Geschmacklosigkeiten nicht zurück. Zitat:
Der dritte Soldat kicherte. „Dein abwesendes Auge … das hast du schön ausgedrückt. Wie hast du denn überhaupt dein Auge verloren, Glivers? hast du ’ne Katze mit ’ner Brille verwechselt?“ – „Nein. Ich hab’s mir rausgerissen. Eigenhändig.“
Eine Kollegin vom Österreichischen Rundfunk wird auf dem Klappentext zitiert mit dem Satz: An Phantasiereichtum steht Stefan Bachmann einem Terry Pratchett in nichts nach. Er hat ihm allerdings auch nichts voraus, ist also auch kein bisschen spannender. Denn nichts ist so langweilig wie der krampfhafte Versuch, originell zu sein. Es ist einfach hochdosierter Quatsch.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photo und Cover mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Informationen: www.diogenes.ch

Stefan Bachmann: Die Seltsamen
Diogenes Taschenbuch 24331, 396 Seiten, 10,- Euro
ISBN 978-3-257-24331-4

Stefan Bachmann: Die Wedernoch
Diogenes Taschenbuch 24332, 407 Seten, 10,- Euro
ISBN 978-3-257-24332-1

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