Baden und
gesehen werden

Da Reisen im 18. und 19. Jahrhundert nicht unbedingt ein Vergnügen war – man bedenke die holprigen Wege, auf denen die zugigen Kutschen fuhren – wählte man gern Ziele gewählt, die für heutige Begriffe nur einen Katzensprung entfernt waren. Und wenn dann noch die hoheitliche Familie verreiste, konnte selbst der kurze Weg von Hannover nach Bad Rehburg Tage in Anspruch nehmen.

Das 'neue Badhaus' von 1786 ist heute ein Museum

Mitte des 18. Jahrhunderts war Bad Rehburg Staatsbad geworden. Die hannoversche königliche Familie pflegte hier regelmäßig zu kuren, Insbesondere die damalige Königin Friederike bemühte sich um den Ausbau des Ortes.

Als die Quellen versiegten, vermutlich wegen des Bergbaus in der Gegend, verlegte man sich auf Badekuren mit allerlei Zutaten, von heute noch gebräuchlichen wie Molke oder Schlamm bis zu solchen, die heute höchstens in Ekel-Fernsehshows vorkommen, zum Beispiel Ameisen.

Prächtige Bäume beschatten den Park

Nach dem zweiten Weltkrieg verlor der Ort aber seine Funktion als Staatsbad. Die Gebäude wurden anders genutzt und umgebaut, einige gar abgerissen. Erst im Jahr 2003 wurde die romantische Bad-Anlage wieder eröffnet. Heute sind das Neue Badehaus und die Wandelhalle wieder in alter Pracht zu sehen.

Die ständige Ausstellung im Erdgeschoss des Neuen Badehauses führt durch die zwölf ehemaligen Badekabinette. Die Konzeption baut auf der Romantik in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. So ist das erste Kabinett in eine Felsenhöhle verwandelt worden. Eine charmante Audioführung mit einleitenden Musikstücken der Zeit führt in das Badeverständnis der Dichter, Denker und adeligen Herrschaften ein.

Auch für Ärzte und Apotheker waren die Bäder ein Segen

Im zweiten Raum bekommen die Besucher den Aufbau der Kurbäder Anfang des 19. Jahrhunderts erklärt: „…geschmackvolle Architekturen-Ensembles, inmitten einer kunstvoll gestalteten Landschaft“. Das verleitete die Kurgäste zu etwas vollkommen neuem: dem Spaziergang. Neben dem Genießen der Umgebung, entwickelte sich auch die Devise ‚Sehen und gesehen werden’.

War zu Beginn des Badebetriebes das Bad Rehburger Heilwasser entscheidend für den Kurerfolg, kam um 1840 Ziegenmolke in Mode. Da die Heilwasserquellen zu versiegen begannen, kamen pfiffige Rehburger auf die Idee, Molke als gesundheitsfördernd zu propagieren. Beides wird auf interessante und experimentelle Weise in den nächsten zwei Kabinetten erläutert.

Zum heilsamen Ensemble gehört auch die Kapelle

Bis ins Barockzeitalter waren die Europäer, egal welcher Gesellschaftsschicht, eher schmuddelig. Man wusch bis dahin höchstens Gesicht und Hände. Vornehme Leute übertünchten ihren Geruch mit Parfum. In der Romantik gab es einen reglerechten Run auf die Kurbäder. Alles, was Rang und Namen hatte, machte sich auf. Kurbäder schossen fast wie Pilze aus dem Boden (Fünftes Kabinett). Mit der ‚Erfindung’ des Kurens entwickeltes sich auch das Bad, und mit dieser Entwicklung wurde auch die Dusche erfunden (sechstes Kabinett).

Ganz dem Reisen ist das siebte Kabinett nachempfunden. Hier bekommt man zünftig auf Kutschsitzen bequem ruhend Aufklärung darüber, dass Reisen auch im 19. Jahrhundert ganz und gar nicht romantisch war.

Im nächsten Raum erleben die Besucher eine Überraschung: ein Badegast sitzt in einer rekonstruierten Bodenwanne. Auf den ersten Blick fällt so mancher auf das Bild herein. Beschrieben werden die eleganten Roben und das eher freizügige Verhalten der Badegäste. In der Kur war alles entspannter und geselliger. Die ersten ‚Kurschatten’ fanden Beschäftigung.

Mode der Romantik: Für die Stickereien brauchte die Schneiderin zwei Monate

Im neunten Kabinett werden Politiker, Dichter und Denker als Kurgäste vorgestellt, und die Casinos, die sich in Folge der Kurbäder etablierten. Das Glücksspiel zum Zeitvertreib wurde modern. Zu den berühmtesten ‚Zockern’ seiner Zeit gehörte der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski. In Bad Rehburg wurde das Glücksspiel aber schon 1848 per Dekret vom Ministerium des Innern verboten.

Und in einem weiteren Punkt unterschied sich Bad Rehburg von den großen, mondänen Kurorten. Hier kümmerte man sich auch intensiv um mittellose Kranke. Schon im 18. Jahrhundert, bevor der die Erste-Klasse-Kurgäste anreisten, gab es hier ein Armenkrankenhaus. Damit befasst sich das vorletzten Kabinett.

Lebensecht: Friederike in ihrem Badekabinett

Schluss- und Höhepunkt des Rundgangs ist die hochherrschaftlichen Badezelle der Königin Friederike. Hier badeten ausschließlich die Mitglieder des hannoverschen Königshauses.

Friederike hatte sich als Landesmutter immer sehr für den Ausbau von Bad Rehberg eingesetzt. Deshalb ließ ihr Mann, König Ernst-August, nach ihrem Tod 1841 in unmittelbarer Nähe der Kuranlagen die Friederiken-Kapelle errichten.

Die Kuranlage ist ein Kleinod, das man unbedingt sehen sollte, wenn man die Region zwischen Hannover und dem Steinhuder Meer besucht.

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (Photos)

Informationen: www.badrehburg.de

 

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