Ein bisschen Folklore,
ein bisschen Picasso…

Die Deutschlandpremiere des Ballet Hispanico aus New York sorgte für große Begeisterung beim Publikum, das aus ganz NRW nach Neuss gekommen war. Bizets Carmen kam in einer modernen und gleichzeitig harmonisch-klaren Tanz-Interpretation auf die Bühne.

Das Ballet Hispanico hat sich die Aufgabe gestellt, die ganze Breite und Tiefe der lateinamerikanischen Kulturtradition in Form des Tanzes zu pflegen. Die beiden Beiträge im Rahmen der diesjährigen Neusser Tanzwochen spielen mit Elementen der Folklore wie auch der Oper, der Tradition und der modernen Kunst.

Das zwölfköpfige New Yorker Ensemble eröffnete den Abend mit dem Stück Bury me Standing, getanzt nach der Musik des Duos Lole y Manuel – ganz folkloristisch im Stil des Flamenco. Der Choreograph Ramon Oller hat sich zu dem Stück von der Kultur der Roma und Sinti inspirieren lassen. Sie sind die Grundlage des Ausdrucks in diesem Stück.
Lebhaft und ironisch tanzt die Company das Leben in seinen unterschiedlichen Beziehungswelten: der Einzelne und die Gruppe, das Paar außerhalb der Gruppe, die Frauen untereinander, die Macho-Spielchen der Männer – und tatsächlich die Frauen als ‚Kreuz‘ für den Mann! Wirbel wechseln sich mit abrupten Stopps ab, Harmonie geht in wildes Durcheinander über und findet sich wieder zurück. Mal fuchteln die Tänzerinnen wild gestikulierend mit ihren Armen und Händen in der Luft, dann gibt es wieder zärtlich sanfte, streichelnde Gestik.
Zugleich mit diesem ausdrucksstarken Tanz beherrschen die Künstler eine faszinierende Präzision. So springt das gesamte Ensemble in einer Reihe so kontrolliert in die Luft, dass sich alle nicht nur synchron bewegen, sondern ihre Füße zu jedem Zeitpunkt auf einer Linie liegen wie mit einem Lineal ausgerichtet, das auch bei jeder Wiederholung.

Ballet Hispanico / Bury Me Standing, Foto Paula Lobo

Nach der Pause Carmen.maquia. Bizets Musik ist großteils zum Ohrwurm geworden. Die choreographische Interpretation von Gustavo Ramírez Sansano ist hingegen neu und erfrischend. Damit hat der Klassiker von Georges Bizet ein neues Make-up bekommen, eben ein maquia: ein wenig Flamenco aufgetragen und mit Paso Doble überpudert.
Sansano hat es verstanden, die Handlung der Oper durch eine unmittelbar verständliche und einleuchtend eindringliche Choreographie zum Ausdruck zu bringen. Der Plot ist ja wohlbekannt, und auch wer ihn nicht kennt, wird das Drama von Eifersucht und Leidenschaft in dieser Darstellungsweise verstehen. Auch in dieser Tanz-Inszenierung beweist das Ensemble seine unglaubliche Präzision bei zugleich eleganten und anmutigen Bewegungen.
Wirkungsvoll unterstrichen wird die Choreographie durch das kage, aber raffinierte Bühnenbild von Luis Crespo: schlichte Elemente aus einer Art luftiger, weißer Wellpappe, die von den Tänzern zu immer neuen Kombinationen zusammengefügt werden können. Über der Bühne hängt ein wolkenähnliches Gebilde, dessen silbergraue Wirbel an einen schnaubenden Stierkopf erinnern. Das Licht ist überwiegend warm wie ein sonniger Abend im Süden Europas. Mit den duftig zarten Kostümen der Frauen: Carmen in schwarz, die anderen in weiß zitiert Modeschöpfer David Delfin Motive von Pablo Picasso.

Wo auch immer auf der Welt diese Company zu sehen ist – wenn die Chance besteht, sie zu sehen, sollte man sie nutzen!

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, © Paula Lobo

Informationen: www.tanzwochen.de

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *