Frei sein zu schreiben

Michael Zeller ist ein Beobachter. Nichts scheint seiner Wahrnehmung zu entgehen, alles erregt seine Aufmerksamkeit, aber um diese auch zu fesseln und zu halten, bedarf es einiges. Zu seinen Werken gehören acht Romane. „Keiner gleicht dem anderen. Das geht aber nur, wenn man sich Zeit lässt“, erklärt er. „Wer jedes Jahr einen Roman verfasst, kommt gar nicht aus seinem Muster heraus. Die Bücher ähneln sich dann zwangsweise. Man braucht Zeit um sich sozusagen wieder aufzuladen, sonst reproduziert man immer dasselbe.“

Sein umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays und auch ein Schauspiel. Zu seinen jüngsten Arbeiten gehören die ‚Schulhausromane‘, die er in Zusammenarbeit mit Schülern unterschiedlicher Schulen in Projekten erarbeitet hat. „Es ist eine wunderschöne Aufgabe, mit den jungen Menschen zu arbeiten. Sie ist für mich beglückend, aber es ist sehr sehr anstrengend“, lächelt der engagierte Autor. „Oft muss ich zunächst einen Zugang zu den Schülern finden, damit sie aus ihrer sie gefangen haltenden Film- und Fernsehwelt herauskommen und sich nicht nur brutale Szenen ausdenken. Ich muss darauf hinarbeiten, dass Konfliktlösung nicht gleich Gewalteinsatz ist. Ich versuche, ihre Phantasie zu reizen und sie nicht nur Gesehenes wiederholen zu lassen.“ Vier Schulhausromane sind so inzwischen entstanden, der letzte in diesem Jahr: ‚Ein Schuss Jugendliebe’.

Michael Zeller ist ein zielstrebiger Mensch. „Ich wollte nie etwas anderes werden als Schriftsteller. Das war schon mein Kindheitstraum, und es wurde mein Lebenstraum. Wie andere Kinder Lokomotivführer oder Indianer werden wollten, war es immer mein größter Wunsch zu schreiben,“ erinnert sich der Autor. Die Erfüllung dieses Wunsches ist Michael Zeller nicht einfach in den Schoß gefallen. „Literatur ist Arbeit! Genauso wichtig wie das Talent, das natürlich die Voraussetzung ist, ist das Durchhaltevermögen. Disziplin und Arbeit gehören einfach zum ‚Handwerk’ der Schriftstellerei wie zu anderen auch.“

Sein Studium schloss er mit einer Promotion ab. Schon während seiner weiteren wissenschaftlichen Arbeit an der Universität entstand sein erster Roman ‚Fehlstart-Training’. Doch zunächst wollte er sein selbst gestecktes Ziel erreichen: die Habilitation. 1981 hatte er die geschafft, stieg aus der wissenschaftlichen Karriere aus und begann die Existenz als freier Schriftsteller.

„So hatte ich es geplant, am Tag als ich habilitiert wurde, habe ich mich von der Universität verabschiedet“, lächelt er in sich gekehrt. „Ich wollte frei sein zum Schreiben. Und ich hatte mich deshalb schon früh entschieden, keine Familie zu gründen. Ohne feste Hochschullaufbahn – das wusste ich genau – brechen wirtschaftlich schlechte Zeiten an. Ich wollte niemanden zumuten, sich auf dieses Leben einzulassen, das oft genug am Existenzminimum entlangging. Aber ich wollte mich dabei auch nicht abhängig machen und mich von einem Partner versorgen lassen, und ich wollte andererseits nicht gezwungen werden, die Rolle des Ernährers zu übernehmen. Mir war klar: alleine schaffst du es immer. Dafür war eine Grundvoraussetzung, dass ich zum Beispiel auch nie reich werden wollte. Und als die schlechten Zeiten da waren, habe ich mir auch immer gesagt: das hast du so gewollt.“

Ein einsames Leben? Nicht für einen Menschen wie Michael Zeller, offen für Eindrücke und Begegnungen, immer auf der Suche nach mehr, ein in sich ganz geschlossener Charakter. Der gehört aber auch dazu, denn „als freier Schriftsteller zu leben, ist fast eine Unmöglichkeit. Wer nicht opferbereit ist, sollte diesen Weg niemals gehen. Und auch die psychische Belastung, wenn die Erfolglosigkeit drückt, sollte man nicht unterschätzen, denn das macht traurig und krank.“

Doch von Erfolglosigkeit kann man bei Michael Zeller wirklich nicht sprechen.  Bescheiden sagt er: „Ich habe immer brav meine Bücher geliefert. So bekam ich viele Stipendien.“ Unter anderem gewann er das Worpsweder ’Atelierhaus’-Stipendium, das Stipendium des Deutschen Literaturfonds, das ihn ein Jahr nach New York brachte, oder auch das Internationale Schriftstellerstipendium der Robert Bosch-Stiftung, das ihm ein Jahr Krakau bescherte. Ausgezeichnet wurde er mit dem ‚Kulturpreis Schlesien’ des Landes Niedersachsen, dem Literaturpreis der mittelfränkischen Wirtschaft, dem Von der Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal und zuletzt im November 2011 mit dem Andreas-Gryphius-Preis.

Michael Zeller ist ein umtriebiger Mensch: Im Alter zwischen 40 und 55 habe ich mich jedes Jahr gefragt ‚Wo werde ich im nächsten Jahr die Linden riechen?’. Der Lindenduft ist etwas ganz Besonderes für mich.“

Geprägt hat ihn seine Lebensgeschichte. Geboren in Breslau, noch als Baby mit Mutter und zwei Brüdern am Kriegsende nach Hessen geflohen, empfand er sich immer als heimatlos. „Darunter habe ich lange gelitten. Meinen Vater kannte ich nicht. Er ist bei der Verteidigung Breslaus verschollen, wir haben nichts über sein Schicksal erfahren. Aber ich habe ihn nicht vermisst; denn ich hatte ihn nie kennen gelernt im Gegensatz zu meinen älteren Brüdern, die unter dem Verlust litten. Ich wuchs auf in einem fremden Umfeld; denn dort waren wir die Flüchtlinge. Als die Wirtschaft besser wurde, brachten es die Familien mit Vater zu Wohlstand, während wir ohne Vater nicht so weit kamen. Wir waren verdammt, arm zu bleiben.“

Dies habe ihn zäh und zielstrebig gemacht, sagt Zeller. Und: „Ich kann mich an eine Gesellschaft anpassen, aber ich bin immer ich selbst.“ Außerdem habe er in dieser Zeit auch seinen ‚bösen Blick’ geschult, wie er es nennt. „Durch unsere Fremdheit und wirtschaftliche Unterlegenheit habe ich mir immer Mut gemacht, indem ich besonders auf die Schwächen der vermeintlich Überlegenen geschaut habe.“ Der kritische Blick taucht in seinen Werken eher mit diesem kleinen Schmunzeln auf, zum Beispiel im Roman ‚Kropp’, erschienen 1996. Die Satire spielt im Frankfurter Banker-Milieu;  die ‚Neue Zürcher Zeitung‘ schrieb: ‚Vergnüglichkeit garantiert‘.

Doch Zellers Bücher sind keine leicht verdauliche Unterhaltungslektüre. „Wenn Menschen nach meinen Büchern fragen, mag ich eigentlich keins empfehlen, weil sie Anstrengung abverlangen, und das wollen die meisten heute beim Lesen eigentlich nicht.“

„Das Schreiben wird mit den Jahren perfekter. Doch mit zunehmender Reife verliert sich auch etwas die Frische und gewisse Unverschämtheit, mit der man als junger Mensch ans Werk geht.“ Mit dem Alter empfindet Zeller aber auch einen wachsenden Zeitdruck: „Ich weiß, dass die Zeit bemessen ist. So arbeite ich zurzeit an mehreren Projekten, was eine gewisse Unruhe mit sich bringt.“, Und dann lacht der heute 67-Jährige: „Die Altersgelassenheit ist noch nicht bei mir angekommen. Da muss ich erst noch den Gesellenbrief machen.“

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (Photos)

Informationen und Werkverzeichnis: www.michael-zeller.de

Print Friendly, PDF & Email

Kommentare 1

  • Meinen Glückwunsch zu Ihrem neuen sehr gelungenen Bericht und den guten Portraitfotos dazu!
    Alles steht fein übersichtlich und sehr umfänglich mit wenigen Scrolls vor Augen, Verlinkungen schaffen sogar Erlebnischarakter.
    H.R. Johann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *