fifty2go: Ein ‚verdorbener Magen’ – was ist das eigentlich medizinisch?
Dr. Vesper: Die Frage ist, was heißt das: „ich habe mir den Magen verdorben“. Dahinter können verschiedene Magen-Darm-Probleme stecken: Oberbauchbeschwerden nach zu fetten Mahlzeiten können eher auf eine Erkrankung der Gallenblase hinweisen. Das Galle-System reagiert auf Fett in der Nahrung in besonderer Weise. Gallensteine können durch solche Reize zu Koliken Anlass geben. Aber auch Störungen der Motorik von Gallenblase und/oder Gallenwegen mögen zu Beschwerden Anlass geben.
fifty2go: Was empfehlen Sie jemandem, der am Vortag zuviel Süßes gegessen hat? Vielleicht Sport?
Dr. Vesper: Wer zuviel genascht hat, sollte einen Espresso trinken und einen flotten Spaziergang machen. Ein umfangreiches Fitnessprogramm ist an den Feiertagen vielleicht nicht so angebracht.
fifty2go: Man sagt, vor einem fetten und reichhaltigen Essen sollte man einen Schnaps oder Magenbitter trinken. Ist da etwas dran?
Dr. Vesper: Vorbeugung gegen die Aufnahme zu voluminöser, fetter und kaloriereicher Mahlzeiten besteht nur in der Vermeidung.
fifty2go: Oder hinterher?
Dr. Vesper: Die berühmte Frage, ob Magenbitter oder andere höher konzentrierte Alkoholika nach voluminösen Mahlzeiten, das Befinden verbessern, ist wissenschaftlich untersucht: Alkoholische Digestive tun es nicht. Im Gegenteil: konzentrierte Alkoholika können zu einer weiteren Reizung der Magenschleimhaut führen, also zu einer Gastritis, die ihrerseits Beschwerden wie Schmerzen und Übelkeit verursacht.
fifty2go: Was empfehlen Sie denn zur Vorbeugung gegen den ‚Kater’?
Dr. Vesper: Vor allem mit dem Trinken aufhören. Schon der germanische Obergott Odin riet seinen Leuten: „Klebt nicht am Becher, trinkt mit Maß“ und die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) propagiert: „Less is better“. Riskanter Alkoholkonsum beginnt ab 30 Gramm Reinalkohol pro Tag beim Mann, dass sind 0,75 Liter Bier oder 0,3 Liter Wein; bei der Frau gelten 20 Gramm, also 0,5 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein.
fifty2go: Sollte man bei heftigem Konsum versuchen, sich zu übergeben?
Dr. Vesper: Sich rechtzeitig, also möglichst bald nach Aufnahme, zu erbrechen, um Alkoholmissbrauch (Rausch) zu vermeiden, ist ein umständliches, auch zu Weihnachten nicht zu empfehlendes Verfahren und wäre psychopathologisch höchst auffällig. Schon Luther in seinen Tischreden spricht von Wein als einem Zerstörer des sittlichen Lebens und des Körpers. Ärztlicherseits wird hier seit Jahrhunderten vor übermäßigen Alkoholgenuss gewarnt. Aus dem 16. Jahrhundert stammen die Buchtitel „Hesliche Laster der Trunckenheit“ und „Wider den Saufteufel“. Vergeblich: Weltweit steht Deutschland an fünfter Stelle bei der Menge des getrunkenen Alkohols. Circa elf Liter reinen Alkohol trinken wir durchschnittlich pro Jahr inklusive der Säuglinge und Hochbetagten. An Weihnachten sollten wir diesen hohen durchschnittlichen Verbrauch nicht noch weiter erhöhen!
fifty2go: Es heißt auch, dass ein Liter Milch vor der Party eine bessere Verträglichkeit des Alkohols bewirkt.
Dr. Vesper: Die Aufnahme des Alkohols aus dem Magen-Darm-Trakt hängt ab von dem was sich darin befindet. Beim Trinken auf nüchternen Magen wird der Alkohol schneller resorbiert, als wenn der Magen vor dem Alkoholtrunk mit einer Mahlzeit gefüllt wurde. Statt einen Liter Milch vor einer Party ist es viel besser und gesünder, diese auf der Party zu trinken. Wer plant, mehr zu trinken als im gut tut, betreibt Alkoholmissbrauch und riskiert Gesundheitsschäden.
fifty2go: Wie kommt es eigentlich zu dem sprichwörtlichen ‚Nachdurcst’, und was hilft am besten dagegen?
Dr. Vesper: Alkohol bewirkt über seine Wirkung auf Hormone der Hirnanhangsdrüse einen Verlust von Wasser und bewirkt prinzipiell eine Eindickung des Blutes. So entsteht am nächsten Morgen Nachdurst, der am besten mit Wasser gestillt wird.
fifty2go: Und dann gibt es ja auch noch die Volksweisheit, dass man am nächsten Morgen mit dem gleichen Getränk beginnen soll, mit dem man am Abend aufgehört hat.
Dr. Vesper: Morgens mit dem Getränk zu beginnen, mit dem man nachts aufgehört hört, das tun Menschen, die auf dem Weg zur Abhängigkeit von Alkohol sind.
fifty2go: Als klassisches Katerfrühstück gilt ja bekanntlich der Rollmops.
Dr. Vesper: Ein Rollmops zum Katerfrühstück kann wegen seiner Herzhaftigkeit (Salz) dazu führen, dass der Durst zunimmt, also noch mehr Flüssigkeit als zum reinen Ausgleich des alkoholbedingten Flüssigkeitsverlustes aufgenommen werden muss. Medizinisch richtig sinnvoll ist der Rollmops zum Katerfrühstück also nicht.
fifty2go: Manche empfehlen Alka Seltzer oder Aspirin. Was ist davon zu halten?
Dr. Vesper: Alka Seltzer ist Acetylsalicylsäure (Aspirin-ASS) und hilft gegen Kopfschmerzen. Der Kater-Kopfschmerz ist bedingt durch Verteilungsstörungen von Wasser und Elektrolyten in den Hirnzellen. Er kann prinzipiell durch ASS beeinflusst werden. ASS ist aber bei dieser Indikation deswegen ungünstig, da es auch auf die Magenschleimhaut einen schädigenden Effekt hat, also eine Gastritis verursachen und bis zur Magenblutung führen kann, was die schädliche Wirkung von Alkohol hier noch verstärkt.
fifty2go: Jetzt also Ihr Rezept für das Katerfrühstück!
Dr. Vesper: Zum Katerfrühstück sollte vor allem viel alkoholfreie Flüssigkeit getrunken werden. Es sollte leicht sein und gut schmecken.
Ruth Hoffmann (Interview)
repor-tal / fotolia (Photos)
Informationen: www.dr-vesper.de








