Gräber erzählen Geschichte

Natürlich findet man in Weimar den Ort, an dem der Fürst der deutschen Dichter und Denker, Johann Wolfgang von Goethe, beigesetzt ist. Sein Landes- und Dienstherr hat ihn auch posthum in Anspruch genommen und zur Zierde seines Mausoleums zu sich berufen. Den Kollegen Schiller übrigens auch; nur waren dessen sterbliche Überreste schon versehentlich in einem Mehrpersonengrab beerdigt, und so wurde Schillers Schädel zum Gegenstand einer spannenden Detektivgeschichte.

Fürstengruft (links) und russisch-orthodoxe Kapelle

Weimars großer ‚Historischer‘ Friedhof liegt südlich des Stadtzentrums. Die Fürstengruft ist immer ein Ziel literaturbeflissener Touristen, die sich um die Sarkophage Goethes und Schillers scharen. Herzog Carl August ließ das Mausoleum für die Mitglieder der großherzoglichen Familie errichten. Hier wollte der fürstliche Freund und Gönner Goethes auch mit diesem nach dem Tod vereint sein. Auf Wunsch Goethes wurden auch Schillers mutmaßliche Überreste 1827 in die Gruft überführt. 2008 wurde aber nachgewiesen, dass es sich dabei gar nicht um Schillers Gebeine handelte. Seitdem ist der Sarkophag leer.

Goethes und Schillers (leeres) Gehäuse

Lassen Sie sich nicht entgehen, einen Blick in die russisch-orthodoxe Kapelle zu werfen, die sozusagen das andere Gesicht des fürstlichen Mausoleums bildet. Durchlaucht war nämlich mit der Zarenfamilie verschwägert.

Goethes angebetete Freifrau von Stein nebst Eltern

Man sollte sich aber nicht nur die Fürstengruft anschauen. Der Friedhof erzählt, wenn man ihn genauer studiert, viel mehr über die Weimarer Gesellschaft. Goethes Enkel Walther und Wolfgang, die keine Kinder hatten, liegen hier begraben. (Goethes Sohn August starb in Rom und wurde dort bestattet. Seine Enkelin Amalie starb in Wien.) Von Steins ruhen auf diesem Acker, auch Goethes Sekretär Eckermann darf hier auf die Auferstehung seines verehrten Meisters warten.

An die Gefallenen des rechtsextremen Kapp-Putsches aus dem Jahr 1920 erinnert ein Denkmal, das der Star-Architekt Walter Gropius entworfen hat. Die Epoche DDR hat sich mit einem ‚Ehrenhain für antifaschistische Kämpfer aller Nationen‘ verewigt, in dem auch Häftlinge des KZ Buchenwald ruhen.

Zynischer Spruch am Tor des KZ

Das Lager selbst liegt etwa acht Kilometer außerhalb der Stadt und ist heute eine Gedenkstätte. Sie erinnert an die etwa 250.000 Menschen, eine unvorstellbare Zahl, die hier zwischen 1937 und 45 eingesperrt und für die Rüstungsproduktion ausgebeutet wurden. Jeder Fünfte hat es nicht überlebt. Übergangslos diente das Lager von 1945 bis 50 dann der sowjetischen Besatzung zur Internierung tatsächlicher und vermeintlicher Nazi-Täter. Von etwa 28.000 Inhaftierten, auch Frauen und Jugendliche, kamen mehr als 7.000 ums Leben. Ein Film fasst die Geschichte des Grauens zusammen.

Roter Stern, Hammer und Sichel am Eingangstor

Als repräsentative Parkanlage präsentiert sich der sowjetische Soldatenfriedhof im Park an der Ilm, leicht zu erkennen an dem majestätischen roten Stern auf dem Eingangstor. Die letzte Beisetzung war hier 1955.

Weimar hat auch einen jüdischen Friedhof, der von 1775 bis 1892 genutzt wurde. Herzogin Anna Amalia, nach der auch die berühmte Bibliothek benannt ist, hatte jüdische Händler nach Weimar geholt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Anfang des 20. Jahrhunderts verließen die letzten Juden die Stadt. Der Friedhof verfiel und wurde teilweise zugeschüttet. In den 1950er Jahren fand man einige Grabsteine wieder, und später richtete man das Grundstück als Gedenkstätte her.

Goethes Christiane

Den ältesten Friedhof findet man rund um Jakobskirche im nördlichen Teil der Altstadt. Der Kirchturm bietet einen Rundblick über Weimar. In dieser Kirche hatte Goethe 1806 nach 18 Jahren ‚wilder Ehe‘ unter Missbilligung der Weimarer Oberschicht endlich Christiane Vulpius geheiratet. Die gute Frau ist hier auf dem Jakobskirchhof auch begraben. Zu DDR-Zeiten war das Grab vernachlässigt und verkommen, von einem halb zerstörten Gitter umgeben und von Efeu überwuchert. Heute ist es mit einer Platte versehen, damit Christiane, die dem heutigen Publikum interessanter erscheint als dem zeitgenössischen, von den Pilgerinnen gefunden wird.

Ulrich von Hutten ruht in der Jakobskirche.

Der Jakobskirchhof ist voller Prominenz: Hier ruht Lucas Cranach der Ältere, der berühmte Maler. Außerdem findet sich das Grab des Schriftstellers Johann Carl August Musäus (1735 -1787), der Märchen aus ganz Deutschland sammelte und damit ein Vorreiter der Gebrüder Grimm war. Die Ehefrau Johann Gottfried Herders, Maria Caroline, hat hier ihre letzte Ruhestätte, und viele andere.

Und hier schließt sich der Kreis; denn am hinteren Friedhofsende auf der rechten Seite war das sogenannte Kassengewölbe. Hier wurden alle begraben, die keine eigene Familiengruft hatten. Dort wurde auch Friedrich Schiller bei seinem Tod 1805 zunächst in aller Eile bestattet. So kam es, dass bei der Überführung der Gebeine in die Fürstengruft 1827 den falschen Knochen die Ehre angetan wurde.

Jan-Peder Lödorfer (Text)

repor-tal (Photos)

 

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