Zusammengepflückt und neu arrangiert

Shakespeare durch die Blume: eine Blütenlese aus Shakespeares Dramen

Wenn die bremer shakespeare company zum Festival nach Neuss kommt, sind innerhalb weniger Stunden keine Karten mehr zu haben. Seit dem ersten der jährlichen Shakespeare-Marathons sind die Bremer regelmäßige Gäste. In diesem Jahr brachten sie ihr Florilegium Shakespearescher Werke mit.

Was tun, wenn William nichts mehr einfällt außer überlangen Monologen? Der Dichter hat sich im Entwurf seines ‚Hamlet‘ verbissen. Und nun setzt sein Mäzen Lord Essex rigoros den Rotstift an im Text. Und schon verkürzen sich lange Ausschweifungen auf Kernsätze wie Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage. Damit kann Herr Shakespeare selbst zwar nichts anfangen und ist beleidigt. Doch um ihn aus seinem Selbstmitleid zu reißen, reicht es aus, den Namen seines verhassten Konkurrenten Christopher Marlowe zu erwähnen. Essex fordert das Genie heraus: bis zum nächsten Morgen soll ein neues Stück entstehen, ein grünes Stück mit Blumen und solchem Zeug.

Beziehungsstress und Männerstreit am Anfang – Shakespeare kämpft gegen Romeo – Krieg ist der Vater von allem

Verzweiflung breitet sich in der Schauspieltruppe aus, Shakespeare hat keine Ideen mehr. Begeistert ist er immer wieder bei Mord und Totschlag. Doch seine Schauspieler lassen ihre Phantasie spielen. Über Ausschnitte verschiedenster Shakespeare-Stücke, darunter Romeo und Julia und Macbeth werden sie kreativ und konzipieren eine Blütenlese aus Stellen, in denen Pflanzen eine wichtige Rolle spielen. Heraus kommt die Schlüsselszene aus dem Sommernachtstraum. Shakespeare braucht die Komödie nur noch zu notieren, und Lord Essex ist hoch zufrieden mit dem Ergebnis. So weit die konstruierte Handlung der boulevardesken Collage.

Die bremer bringen auch dieses Stück mit dem ihnen eigenen Schwung auf die Bühne. Sie versetzen ihr Publikum allein dadurch in Begeisterung, dass ihre Energie und ihre Passion auf die Zuschauer wie ein Funke überspringt. Da gibt es keinen Moment, in dem die Aufmerksamkeit nachläßt. Shakespeare-Kenner können ihr Wissen auf die Probe stellen: Welches Stück wird gerade in der Szene zitiert? Das Feuer ist bis zur letzten Szene entfacht. Und die Moral der Geschichte? Nichts beflügelt die Phantasie so effektiv wie die profunde Kenntnis der Literatur!

Fünf Köpfe in diversen Rollen – Shakespeare erfindet sein ‚grünes‘ Stück

Christian Bergmann gibt einen wundervoll exzentrischen Wilhelm – Pardon, er heißt William – Shakespeare. Das Genie fordert seinen Schauspielern eine Bandbreite ihre Repertoires ab. Andrea zum Felde hüpft wie ein echter Kobold als Puck über die Bühne und versteht es, die Lachmuskeln des Publikums zu strapazieren, Ulrike Knospe wechselt die Charaktere wie ihre Kostüme von Gertrude über Iago bis zur Lady Montague. Ebenso Markus Seuß als herrischer Lord Essex, eifersüchtiger Oberon oder liebestoller Romeo. Erika Spalke und Tobias Dürr haben zwischen den Shakespeare-Rollen auch noch ihre Liebesgeschichte zu verkörpern. Und wieder beweisen die bremer, dass es bei ihnen keinen Unterschied in Leistung und Darstellung gibt. Jeder Schauspieler für sich ist herausragend, aber keine spielt sich in den Vordergrund. Sie sind ein Team von der ersten bis zur letzten Minute.

Ein besonderer Augenschmaus sind auch die Kostüme von Gewandmeisterin Galina Rikkert, phantasievoll und raffiniert, wenn die Schauspieler blitzschnell in einen anderen Charakter schlüpfen müssen.

Premiere im Park 2016

Shakespeare. Durch die Blume wurde 2016 zum 111. Geburtstag des Botanischen Gartens (Rhododendron Park) in Bremen Openair uraufgeführt. Die Indoor-Premiere war erst im April 2017. Ein Stück, das man sehen sollte, wann immer man die Möglichkeit hat.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, © Marianne Menke

Informationen: www.shakespeare-festival.de

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