Wo das klassische Schauspiel seine Muskeln zeigt

© Marianne Menke
Umkleiden, verkleiden, Rolle und Gender wechseln – Svea Meiken Auerbach (l) und Theresa Rose in Aktion
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Liebe und Hass schlagen mehrfach spontan zu. Und sie schlagen auch kaum nachvollziehbar ineinander um – Der Plot der Shakespeare- Komödie ‚Wie es euch gefällt‘ ist nicht gerade plausibel. Der Applaus aber für die Interpretation der ‚bremer shakespeare company‘ beim 26. Festival im ‚Globe‘ Neuss hat gezeigt: Dieses Gastspiel ist ein Heimspiel für das Ensemble, und dieses Schauspiel ist ein Beispiel für die Zunft.

Das Ensemble besitzt in seiner Heimatstadt Bremen eine Spielstätte; sie hat eine konventionelle Guckkasten-Bühne. „Sogar mit Schnürboden“, sagt der Regisseur Thomas Weber-Schallauer. Das Live-Theater mit lebendigen Akteuren kann seine Stärke aber besser da ausspielen, wo man keinen gerade Strich zwischen Bühne und Parkett ziehen kann.

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Die Parodie des Schäfer-Idylls auf einem Tablett
Auerbach, Roßbander, Bergmann © Marianne Menke

Das Publikum ist inzwischen gewohnt, die bedeutete Welt weitgehend in ihrer digitalen Transformation zu erleben, vermittelt durch eine ebene Fläche zwischen vier geraden Kanten. Deshalb wirkt das unmittelbare Theater um so eindringlicher, je weiter es sich von dieser rezeptiven Gewohnheit löst.

Das ‚Globe‘ am Rand der Neusser Pferderennbahn ist nur eine zwölfeckige Baracke mit einer Mini-Bühne und rund 500 Plätzen, die sich auf ein überschaubares Parkett und zwei Ränge verteilen. Die Bühnentechnik ist dürftig; Kulissen gibt es nicht; die Beleuchtung muss sich auf das Nötigste beschränken; weder das Tageslicht noch die Geräusche der Stadt ringsum lassen sich ganz aussperren.

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Lee, Auerbach, Rose: „Hab ich gut gespielt“?
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Doch das ist genau die Umgebung, in der dieses Ensemble seine Stärken ausspielen kann. Und das wissen die Akteure auch. Die ‚bremer shakespeare company‘ gehört seit Beginn als fester Programmpunkt mit seinen stilprägenden Inszenierungen dazu. Gerade der Mangel an technischer Maschinerie und die Tuchfühlung mit dem Publikum stellt die eigentliche Kunst der Schauspieler um so deutlicher heraus.

Rund um die dynamische Theresa Rose als Rosalind treten fünf Akteure in 18 Rollen auf: Svea Meiken Auerbach hat zwei extreme Rollen: die heitere Celia und den Melancholiker Jaques. Philipp Michael Börner hat außer dem Protagonisten Orlando zwei Nebenrollen. Tim Lee agiert in vier, Erik Roßbander sogar in fünf Rollen.

Das Tempo der Inszenierung ist zügig, die Kostümwechsel hinter der Bühne verblüffend wie Zaubertricks. Es gibt eine Ringkampf-Szene, buchstäblich packend choreographiert von Christian Bergmann, der auch vier Rollen spielt. Die Truppe zeigt ihr musikalisches Können in einigen Einlagen (Musik: Andy Frizell). Genialer Einsatz schlichter Mittel übertrumpft aufwendige Technik. So ist diese Inszenierung ein Schulbeispiel dafür, das es nicht mal die viel zitierten ‚Bretter‘ braucht, sondern schon ein einziges Brett alles mögliche ‚bedeuten‘ kann.

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Liebesgedichte regnen von den Bäumen wie Blätter im Herbst
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Es ist Sitte bei den ‚bremern‘, sich nach dem (im Neusser Globe mal wieder donnernden) Applaus mit einer kurzen Absage ans Publikum zu wenden und dann am Ausgang persönlich zu verabschieden wie ein evangelischer Pfarrer nach dem Sonntags-Gottesdienst. Diesmal hat Svea Meiken Auerbach den Job und lässt uns wissen: „Wir spielen gerne hier. Und das haben Sie hoffentlich gemerkt.“

Was die Zuschauer mit einem weiteren Applaus bestätigen. ‚Wie es euch gefällt‘ hat dem Neusser Publikum gefallen – das längst nicht mehr nur ein Neusser Publikum ist. Denn es hat sich herumgesprochen: Der Neusser Rainer Wiertz zeigt mit seinem jährlichen Shakespeare-Festival dem kriselnden kommunalen Theaterbetrieb in Deutschland, wo es Erfolg versprechend langgeht.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.shakespeare-company.com

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