Amos und die Detektive

Amos Oz © privat

Jesus ist eigentlich eher ein Problem der Christen als der Juden. Wenn sich Juden mit ihm befassen, dann vor allem, um zu vermitteln, Brücken zu bauen und für ein Verständnis zu werben, das im Erfolgsfall gegenseitig sein sollte. Der Onkel des – laut Klappentext – „weltberühmten israelischen Schriftstellers“ Amos Oz hatte es seinem Neffen mal so erklärt: „Jesus war einer von uns, einer unserer größten Visionäre“.

„Ich war geschockt“, erinnert sich Oz weiter an diese Äußerung seines Onkels. Denn er hatte es anders gelernt: „Als kleiner Junge besuchte ich eine äußerst traditionelle orthodoxe jüdische Schule in Jerusalem. Wir wurden angewiesen, jedes Mal, wenn wir an einer Kirche oder an einem Kreuz vorübergingen, unsere Augen abzuwenden. Onkel Joseph aber sagte, das dürfe ich niemals tun: ‚Sieh ganz genau hin.'“

Nun verhält es sich mit Jesus von Nazareth ähnlich wie mit der Teilchenphysik: Je genauer man hinschaut, desto diffuser werden die Phänomene. Andererseits hat die jüdische Tradition eine geradezu kriminaldetektivische Fähigkeit durch Jahrhunderte zur Perfektion entwickelt: subtilste Hinweise in Texten – und dazwischen! – aufzuspüren.

Der Autor erzählt, wie er sich in seiner Jugend intensiv mit Jesus befasst, ihn bewundert und geradezu lieben lernt. Doch als er an die Geschichte von Judas, dem Kuss und dem Verrat gerät, stößt er auf einen eklatanten Widerspruch:

… als ich diese Geschichte las, stieg ein heftiger Zorn, ja Wut in mir auf – nicht mir als Jude, nicht aus chauvinistischen  oder religiösen Gründen, nein! Ich war verärgert, weil der kleine Detektiv in mir gegen diese Geschichte aufbegehrte. Aus rein kriminalistischen Gründen ergab die Story einfach keinen Sinn.“

Und wie Hercule Poirot und Miss Marple vor ihrem Publikum einen vertrackten Mordfall entschlüsseln, so entwickelt Amos Oz in diesem Text – ursprünglich ein Vortrag am 25. Mai 2017 in Berlin – vor uns den Fall ‚Jesus und Judas‘.

Die Lösung, die der ‚kleine Detektiv‘ für diesen kniffligen Fall anbietet, soll hier nicht verraten werden. Nur soviel: Einen Verräter gibt es in dieser Version am Ende nicht mehr.

Amos Oz‘ kleiner Krimi über einen Fall von weltgeschichtlicher Bedeutung wird ergänzt durch die übersetzten Quellentexte aus den Evangelien und einige Ausführungen des Berliner Rabbiners Walter Homolka, der unter anderem auch Präsident der Union progressiver Juden in Deutschland ist.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung des Patmos-Verlages

Informationen: www.patmos.de

Amos Oz: Jesus und Judas. Ein Zwischenruf. Deutsch von Susanne Naumann
Patmos Verlag, 2018, 96 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-8436-1051-3
€ 12 (D) / € 12,40 (A)

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