Sekten, Gurus und Psychosen
Einsatz für die Opfer

Wenn Elke Leonhardt (60) und Andrea Kappelmann (53) von Sektenabhängigkeit sprechen, dann reden sie aus eigener Erfahrung. Beide Frauen sind vor zehn Jahren mit dem Thema in Berührung gekommen und haben sich so in einer Essener Informations- und Beratungsstelle kennengelernt. Daraus entstand die ‚Initiative Schulterschluss’ im September 2001 mit Sitz in Wuppertal. 2007 gründeten die beiden dann den Verein ‚Schulterschluss bei Sektenbetroffenheit` mit. Der Arbeitsschwerpunkt des Vereins liegt in der Hilfe bei Sektenbetroffenheit, im esoterischen Bereich und beim ‚induzierten Missbrauch‘.

Darunter versteht man Fälle, in denen skrupellose ‚Therapeuten‘ ihren Patienten einreden, sie seien als Kind sexuell missbraucht worden, obwohl dies nicht wahr ist. Damit kann man nämlich erreichen, dass Patienten alle Beziehungen zu ihren Angehörigen kappen und damit um so stärker von ihren Therapeuten abhängig werden.

Andrea Kappelmann

Auf Menschen, die Anschluss an eine Gruppe suchen und labil sind, lauern vielfältige Gefahren. Sie können unter den Einfluss von Scharlatanen, Sekten oder auch Therapeuten, die ihr Berufsethos nicht achten, geraten. „Ich weiß, was Gehirnwäsche bedeutet“, sagt Andrea Kappelmann, die zweite Vorsitzende des Vereins ‚Schulterschluss bei Sektenbetroffenheit’. Die heute 53-Jährige war einer sogenannten Lebensberaterin in die Fänge geraten. Im Lauf der Zeit wurden ihr Missbrauchserinnerungen an ihre Kindheit eingeredet. „Es war ein schrecklicher Weg aus dieser Abhängigkeit hinaus, die der reinste Psychoterror war“, erzählt sie. Andrea Kappelmann hatte Glück. Therapien und auch die eigenen, von ihr verleumdeten Eltern halfen ihr aus dem Dilemma. (Den vollständigen Bericht finden Sie im Internet auf den Seiten des Vereins.)

Auch Religionsgemeinschaften können eine Gefahr sein. So geschah es einer jungen Frau, die in ihre Sekte hineingeboren war. Als sie zu zweifeln begann, hatte sie niemanden, mit dem sie reden konnte. „Zuletzt litt ich sogar unter Verfolgungswahn, denn die Gemeinschaft stellte jeden Zweifel als Abkehr da, die den anderen Mitgliedern schadet. Schon durch solch ein Gespräch konnte man ‚vom rechten Weg abkommen‘. Gott sieht alles und weiß alles und zieht uns unmittelbar zur Rechenschaft, hieß es. Doch ich wollte einfach wie die anderen Teenager auch einmal in die Disco gehen oder Popmusik hören.“ Es war ein langer Weg, bis der jungen Frau klar wurde, dass nicht sie ‚falsch‘ ist.

Elke Leonhardt

„Unter dem Deckmantel von Psychogruppen, Guru-Kulten, esoterischen Bewegungen und Heilergruppen können Menschen in Abhängigkeiten geführt werden, die sie von ihrem gesamten bisherigen sozialen Umfeld isolieren“, erklärt Elke Leonhardt, die Vereinsvorsitzende. Wenn Eltern den Kontakt zu ihren Kindern – gerade erwachsenen Kindern – verlieren, kann da unter Umständen etwas dahinter stecken, was die Angehörigen nicht für möglich halten. Deshalb versucht der Verein, Angehörige zu sensibilisieren. „Wir konnten schon viele Kontakte wieder herstellen“, berichtet Elke Leonhardt. „Und je eher sich Eltern oder andere Angehörige melden, wenn die Befürchtung einer Abhängigkeit bei ihren Kindern besteht, desto besser. Doch viele Eltern begreifen oft noch gar nicht, warum ihre Kinder jeglichen Kontakt zu ihnen abgebrochen haben.“

„Die Solidarität unter den Betroffenen ist groß“, so Andrea Kappelmann. „Und man darf die Hoffnung niemals aufgeben“, ergänzt Elke Leonhardt. Unermüdlich setzen die beiden sich seit zehn Jahren für Betroffene und ihre Angehörigen ein. Ergänzend haben sie den ‚Arbeitskreis induzierte Erinnerungen’ gegründet. „Einmal in der Woche haben wir Telefonsprechzeiten“, so Elke Leonhardt. „Und wenn es gewünscht wird, machen wir auch Hausbesuche. Natürlich können wir nicht alleine helfen. Dafür haben wir keine Ausbildung. Aber wir können zuhören und Rat geben, wo am besten Hilfe zu bekommen ist.“

Inzwischen suchen Menschen aus ganz Deutschland und auch dem benachbarten Ausland Hilfe bei ‚Schulterschluss bei Sektenbetroffenheit. Der Verein organisiert außerdem Infoveranstaltungen und kämpft für Aufklärung. „Wir stellen nicht in Abrede, dass es Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gibt“, sagt Elke Leonhardt. „Aber es gibt auch die Fälle, in denen die vermeintlichen Täter die wahren Opfer sind.“

Schulterschluss macht stark.

In den zehn Jahren seines Bestehens musste der Verein auch viele Anfeindungen über sich ergehen lassen. Zumeist kamen diese von Menschen oder Gruppierungen, denen das Vereinsziel nicht klar war. Insbesondere wenn Missbrauchsskandale aufgedeckt werden, nehmen die Anfeindungen zu. Dabei geht es ‚Schulterschluss‘ nicht um Täterschutz, sondern um konkrete Fälle eines nicht stattgefundenen, unter Umständen von außen eingeredeten Missbrauchs. Denn auch diese Fälle gibt es.

Neben der direkten Hilfe bietet der Verein auch Aufklärungsarbeit in Schulen an und präsentiert sich auf Messen und Tagungen. Zum Programm gehören auch Seminare für Aussteiger, die lernen müssen, in das eigene Leben zurückzukehren und nicht dem nächsten Gruppenzwang zu verfallen. Der Verein finanziert seine Arbeit aus Spenden und ist für jede Unterstützung dankbar. Und kein Betroffner sollte sich scheuen, um Hilfe anzufragen.

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (Fotos)

Kontakt: www.schulterschluss.info oder telefonisch unter 0202 / 47 94 972

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Kommentare 2

  • Hallo Frau Hoffmann,

    dieser Text wurde mir von Betroffenen gesendet.

    „Wie immer fand ich das Geschriebene
    gut, jedoch über das Wort „skrupellose Therapeuten“ stolperte ich etwas.
    Teilweise können diese Leute auch nichts dafür, sie sind zu kurz und vielleicht auch „falsch“ ausgebildet worden.
    Ich hoffe nur, daß dieser Artikel weiter dazu dient, die Öffentlichkeit auf unser Problem aufmerksam zu machen und so nicht noch mehr „Schaden“ angerichtet wird !“

    Können Sie da nicht eine kleine Änderung vornehmen?

    Herzliche Grüße
    Elke Leonhardt

    • Liebe Leser,
      wir machen bei diesem Kommentar eine große Ausnahme. Normalerweise nehmen wir keine Kommentare an, die sich auf Aussagen Dritter beziehen. Jeder mündige Leser sollte sich selbst äußern, wenn er das Bedürfnis hat. Wir stehen jeglicher Kritik offen gegenüber und bieten über ide Kommentar-Funktion gerne die Möglichkeit zur Diskussion. Hierzu sind Sie herzlich eingeladen!
      Ihr fifty2go-Team

      Liebe Frau Leonhardt,
      es ist schade, dass sich die Betroffenen nicht selbst zu Wort gemeldet haben. – Wir diskutieren gerne mit unseren Lesern.
      Doch wir können keine grundsätzlichen Änderungen der Artikel vornehmen. Das führt zur Unglaubwürdigkeit im Journalismus. Schreibfehler korrigieren wir gerne, Inhalte nicht, wenn sie nicht grundsätzlich falsch sind.
      Sie und Mitglieder Ihres Vereins stoßen sich am Wort ’skrupellose Therapeuten‘. Doch nach Ihren Aussagen gibt es sie. Für mich sind es skrupellose Menschen, die andere zu Ihrem eigenen Vorteil ausnutzen. Da mache ich keine Kompromisse. Für mich sind solche skrupellosen Therapeuten aber sicherlich eine kleine Minderheit in dieser Berufsgruppe, so wie es in jeder anderen Berufsgruppe von schwarze Schafe gibt (zum Beispiel auch unter den Journalisten).
      Wenn Sie Menschen helfen wollen, die in dieser Form ausgenutzt wurden, stehen Sie bitte auch dazu. Alles andere wirkt auf mich unglaubwürdig.
      Viele Grüße
      Ruth Hoffmann

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