Ein Rechtschaffener erzählt

Rechtschaffenheit, Familientreue und Heimatliebe stehen im Fokus der Züricher Novellen von Gottfried Keller. Der strenge, calvinistische Protestantismus fordert ein puristisches, arbeitsreiches Leben. Die Sicht in die Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts in der Schweiz wird deutlich, auch wenn die Geschichten größtenteils im Mittelalter spielen.

Bei Gottfried Keller fällt vielen als Erstes und Einziges Der grüne Heinrich ein.  Doch Keller hat mehr zu bieten. Mit seinen Züricher Novellen setzte er 1877 seiner Heimatstadt ein Denkmal. Zuvor war der Schweizer Dichter und Politiker fünfzehn Jahre erster Staatsschreiber* des Kantons Zürich. Dieses politische Amt ließ ihm aber relativ wenig Zeit, sich als Schriftsteller zu betätigen. Deshalb legte er es 1876 nieder.

Gottfried Keller
Foto: Archiv Diogenes Verlag

Die Sprache Kellers ist mächtig. Sie füllt die Zeilen mit Bildern, die unweigerlich bei der Lektüre aufsteigen. Gleich in der ersten Novelle , die sich um die Entstehung des Codex Manesse dreht. In Zeiten des Internets sollte der Leser sich den Spaß gönnen und die Bilder auf den Seiten der Universitätsbibliothek Heidelberg anschauen. Die Übereinstimmung der Beschreibungen von Keller mit den Originalen ist phantastisch. Zwar muss man sich auf eine Sprache einlassen, die uns heute nicht mehr vertraut ist. Doch es lohnt sich.

Zeitlich stehen die Novellen nicht durchgängig im Zusammenhang, aber sie spielen alle in und um Zürich. In einer Einleitung bereitet der Autor seine Leser vor: Ein alter Herr möchte seinem Paten die Flausen austreiben, etwas „Großes“ schaffen zu wollen. Dabei soll nicht der Ehrgeiz des jungen Mannes gebremst werden, sondern vielmehr seine Frustration, sobald er erkennt, dass seine Versuche nicht gelingen.

Text: Ruth Hoffmann

Cover und Photo mit freundlicher Genehmigung von Diogenes

Informationen: www.diogenes.ch

Gottfried Keller: Züricher Novellen
Diogenes, detebe Klassiker 24491, 472 Seiten, Taschenbuch
13 Euro
ISBN 978-3-257-24491-5

*In der Schweiz ist der Staatsschreiber der Generalsekretär einer Kantonsregierung und in dieser Funktion administrativer Leiter der Staatskanzlei.

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