Reflexion
ist nicht ihre Stärke

‚Mein Leben nach dem Überleben‘ ist die Fortsetzung des Bestsellers ‚Ich trug den gelben Stern‚. Die Autorin Inge Deutschkron hatte es geschafft. Sie hat den Holocaust in Berlin überlebt. Doch wie ging es weiter nach dem Krieg?

Inge Deutschkron war Deutsche und – wie sie immer wieder betont – Sozialistin. So findet sie ihre erste Anstellung als Sekretärin im russischen Sektor der Stadt bei der neu aufzubauenden Zentralverwaltung für Volksbildung. Hier arbeitet sie mit den Alt-Kommunisten zusammen, die von der damaligen Sowjetunion geprägt waren. Die Gruppe der Sozialdemokraten, zu der Inge Deutschkron sich zählt, ist nur klein.

Die junge Inge Deutschkron ist Feuer und Flamme. Sie will ihrem Land, ihrer Stadt etwas Gutes tun. Sie will den Menschen helfen. Sie will einen besseren Staat mit aufbauen. Die junge Frau engagiert sich politisch. Aber sie befindet sich im falschen Lager. Immer wieder wird ihr nahegelegt, die Partei zu wechseln. Dem widersteht sie hartnäckig. Doch nach etwa einem Jahr steht ihre Verhaftung bevor, weil sie sich partout der Sozialistischen Einheitspartei (SED) nicht anschließen will und nach wie vor ihre eigenen Vorstellungen vertritt. Schließlich sieht sie sich zur Flucht gedrängt. Sie bekommt mit ihrer Mutter zusammen die Ausreisegenehmigung nach England, wo ihr Vater seit 1938 lebt.

Und wieder erlebt die junge Frau eine herbe Enttäuschung: Der erwartete Bonus bei den Engländern, weil sie eine Holocaust-Überlebende ist, bleibt aus. Die Briten sind misstrauisch gegen alles Deutsche und viel zu sehr mit dem Aufbau ihres eigenen Landes beschäftigt, als dass sie sich für die Geschichte der Deutschkrons interessieren würden. In ihrer energischen Weise gelingt es Deutschkron auch hier, das Blatt zu wenden. Doch ihr negatives Bild von den Engländern bleibt auch nach Jahren bestehen.

1955 kehrt sie dann nach Deutschland zurück. Hier denkt sie, liegen ihre Wurzeln. Dieses Land möchte sie mitgestalten. Doch alles ist ganz anders als sie erwartet hat. Auch die Deutschen wollten nach dem Krieg wieder leben. Das Thema Holocaust war nicht gern gehört. Und noch schlimmer für die damals 33-Jährige ist die Entdeckung, viele Alt-Nazis in gehobenen Positionen wieder zu finden. Politiker, Bürgermeister, Richter – überall sind Ex-NS-Größen in der neuen Bundesrepublik wieder aufgestiegen. Ein Prozess, den Inge Deutschkron mit Entsetzen analysiert.

Und sie beginnt abzurechnen und anzuklagen. Sie, die sich niemals über den jüdischen Glauben definiert hat, identifiziert sich nun voll und ganz als Jüdin. Kaum ein Politiker kann vor ihren Augen bestehen. Eine Ausnahme ist Willy Brandt, den sie geradezu verehrt. Und da beginnt ihre sonst so hohe Reflexionsfähigkeit auszusetzen. Die Ikone der Sozialdemokratie ist unantastbar. Fehltritte des Politikers Brandt tut sie als ‚Gerüchte‘ ab, auch solche, die durch das spätere Buch von Rut Brandt bestätigt wurden.

Inge Deutschkron wirft gerade den Westdeutschen vor, die Nazi-Vergangenheit nicht aufgearbeitet zu haben. Ihrer Ansicht nach sei im Westen der gesamte Holocaust unter den Tisch gekehrt worden; die Bundesrepublik stellt sie geradezu als einen schön gefärbten Nazi-Staat hin.

Deutschkron ist nicht fair, wenn sie schreibt, dass sie ihr Überleben nur Sozialdemokraten zu verdanken habe. Nicht fair gegenüber den Menschen, die keine Sozialdemokraten gewesen sind, aber trotzdem geholfen haben, während sozialdemokratische ‚Freunde‘ mehr um ihr eigenes Wohlergehen besorgt waren, weil sie ja nach dem Krieg so wichtig sein würden. Das beschreibt Deutschkron immer wieder in ihrem ersten Buch ‚Ich trug den gelben Stern‘.

Und Deutschkron ist nicht fair, wenn sie schreibt, dass sie es nur Sozialdemokraten ihr Überleben zu verdanken habe. Nicht fair gegenüber den Menschen, die keine Sozialdemokraten gewesen sind, aber trotzdem geholfen haben, während sozialdemokratische ‚Freunde‘ mehr um ihr eigenes Wohlergehen besorgt waren, weil sie ja nach dem Krieg so wichtig sein würden. Das beschreibt Deutschkron immer wieder in ihrem Buch ‚Ich trug den gelben Stern‘. Hier aber scheint sich das Bild ihres eigenen Erlebens im Lauf der Jahre verändert zu haben. Abgesehen davon ist es eine Ohrfeige für den deutschen Widerstand, den es auch gegeben hat und der dem totalitären Regime viele Opfer brachte.

Wir, die Nachkriegs-Generation, wissen, wie wir über das Geschehen in Hitler-Deutschland in der Schule informiert wurden. Besuche von ehemaligen Konzentrationslagern standen auf dem Pflicht-Programm. Die Wahrheit wurde nicht verschwiegen, aber sie wurde nicht oder nur selten an Menschen konkretisiert. Das war falsch! Inge Deutschkron scheint ein Mensch der aneckt, der schonungslos seine Meinung kundtut, keinen Millimeter von seiner Meinung abrückt, auch wenn sie sich wandelt. Inge Deutschkron ist unbequem. Sie kann nicht anders.

Text: Ruth Hoffmann

Cover © dtv

Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern
dtv, 384 Seiten, 11,50 Euro [D] 11,90 Euro [A], 17,50 SFR [CH], ISBN 978-3-423-30789-5

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Kommentare 1

  • Ich würde zu diesem Thema gerne 2 besondere Bücher empfehlen, die speziell auf die seelischen Nachwirkungen bei den Nachkommen hinweisen:
    Jürgen Müller-Hohagen: Verleugnet, verdrängt, verschwiegen – seelische Nachwirkungen aus der NS-Zeit und Wege zu ihrer Überwindung
    und
    Geschichte in uns. Seelische Auswirkungen bei den Nachkommen von NS-Tätern und Mitläufern
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