Neuss wie es
euch gefällt

Theaterkunst war ursprünglich die Kunst der Schauspieler, Musiker, Autoren. Zwar gab es immer Masken, Kostüme und Kulissen, aber sie waren eher Werkzeug als wesentlicher Bestandteil der einzelnen Inszenierung. So war es schon in der Antike und bis in die Neuzeit. Die Bühne war vor allem nur eine Plattform, auf der die Darsteller vom Publikum gut zu sehen und zu hören waren.

Shakespeare-Festival Neuss, Globe © repor-tal
Das Globe in Neuss ist dem Londoner Original 1 : 1 nachempfunden. © repor-tal

Die Idee, aus einer Theaterbühne mit Hilfe einer aufwändigen Maschinerie einen Guckkasten zu machen, der eine ganze Welt mehr oder weniger realistisch nachahmen kann, passt typischerweise zur Barockzeit. Damals setzte sich allgemein die Auffassung durch, die Welt als eine Maschine zu betrachten, ein riesiges Uhrwerk.

Seit der Barockzeit haben wir die ‚große Oper‘, das Bühnenkunstwerk als nicht zuletzt auch technische Höchstleistung. Mit dieser Materialschlacht konnte die Bühne sogar noch beeindrucken, als die technischen Bilder ‚laufen lernten‘; denn das Kino war anfangs schwarzweiß und stumm, die Leinwand relativ klein. Inzwischen sind wir aber bei riesigen Projektionsflächen mit 3-D, High Resolution und Dolby Surround Sound. Mit Computern lässt sich praktisch jedes denkbare Ereignis, und sei es noch so verrückt, realistisch und bombastisch ins Bild setzen. Da kann keine Bühne mehr mithalten, und sei sie noch so toll ausgestattet.

Da Publikum ist dicht am Geschehen und sieht von allen Plätzen gut. © Maurice Kaufmann

Aber das Theater hat dem Kino immer noch eines voraus: es kann interaktiv sein. Echte, live agierende Schauspieler können das Publikum unmittelbar ansprechen, mit Reaktionen spielen; das Theater ist – als einziges Medium außer dem Internet – interaktiv!

Deshalb ist der ideale Spielort eine kleine Bühne, dicht umringt von nicht allzu vielen Sitzreihen. So wie man sich das ursprüngliche ‚Globe Theatre‘ in London vorzustellen hat, für das Shakespeare seine Dramen konzipierte. Um dessen Atmosphäre selbst zu erleben, muss man aber nicht nach London fahren: Schließlich gibt es ja das ‚Globe‘ in Neuss am Rhein!

‚As you like ist‘ auf georgisch, © John Haynes

Vom 13. Juni bis zum 13. Juli öffnet es 2013 wieder seine Brettertüren für das Shakespeare Festival. Beteiligt sind wie immer außergewöhnliche Ensembles und Interpreten aus aller Welt, in diesem Jahr das ‚Kote Marjanishvili State Drama Theatre‘ aus Tiflis mit einer Inszenierung von ‚As You Like It‘ (‚Was Ihr wollt‘) in Georgisch und das ‚Tang Shu Wing Theatre Studio‘ aus Hongkong mit dem Drama ‚Titus Andronicus‘ in (Kanton-)Chinesisch, beide mit englischen Übertiteln.

‚Taming of the Shrew‘, © Manuel Harlan

Rückgrat des Programms sind gestandene Shakespeare-Ensembles der Spitzenklasse, diesmal die Londoner Globe-Truppe mit ‚King Lear‚, die ebenfalls britische ‚Propeller Company‘ mit ‚Twelfth Night‘ (‚Was Ihr wollt‘) und ‚The Taming Of The Shrew‘ (Die Zähmung der Widerspenstigen‘) sowie die ‚bremer shakespeare company‘ mit dem ‚Sommernachtstraum‘.

Patrick Spottiswoode, © Maurice Kaufmann

Wer sich vom ‚Spirit‘ des ‚Globe‘ in Theorie und Praxis inspirieren lassen möchte, dem sei der Auftritt von Patrick Spottiswoode empfohlen, dem Direktor der Ausbildungs-Abteilung des Londoner ‚Globe‘. Und immer bietet das Festival auch ein Podium für avantgardistischen Nachwuchs. 2013 steht das ‚bat Studiotheater der Hochschule für Kunst Ernst Busch‘ mit ‚Macbeth‘ und ‚Wie es euch gefällt‘ auf dem Programm.

Dass sich Neuss aber nicht nur ‚mit fremden Federn schmückt‘, beweist das Rheinische Landestheater mit seiner Interpretation des ‚Kaufmann von Venedig‘. Man darf gespannt sein.

Die Brücke zur Musik zu bauen ist dieses Jahr Sache der Jazz-Sängerin Caroll Vanwelden. Die Belgierin lebt in Heidelberg und kommt mit ihrer Band: Thomas Stilling Trompete und Flügelhorn, Jo Ambros Gitarre, Mini Schulz Bass und Markus Faller Schlagzeug.

Große Prominenz zur Eröffnung: Senta Berger, © Paul Schirnhofer

Die beiden Eröffnungs-Events sind eine kleine Sensation: Weltstar Senta Berger und die Capella Monacensis, ein Ensemble für Alte Musik, bestreiten zusammen zwei Rezitationsabende mit Gedichten und Liedern unter dem Motto ‚With Shakespeare in Love – Sonette für The Dark Lady‘. Die Figur geistert durch Shakespeares Sonette seit dem Jahr 1590 und liefert Stoff für immer neue Spekulationen und Mythen.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung Shakespeare Festival Neuss

 

Informationen: www.shakespeare-festival.de

Telefon: 02131 / 526 99 999

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