Das Motiv des Kain

W. Michael Blumenthal, der Direktor des jüdischen Museums in Berlin, wird auf dem Rückumschlag des Buches mit dem Satz zitiert wird: „Auch ich habe nie auf die Frage, wie es ausgerechnet in Deutschland im 20. Jahrhundert zum organisierten Judenmord kam, eine plausible Antwort gefunden.“ Wie ihm geht es wohl vielen von uns.

Judenhass und Pogrome hatte es doch in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben, im Gegensatz etwa zu Osteuropa. Gettos und offene Diskriminierung waren Geschichte. Und selbst wenn Ressentiments und Vorurteile verbreitet gewesen sein mögen – dergleichen gibt es in vielen Gesellschaften, und nirgends haben solche Erscheinungen dazu geführt, dass ein Staat sämtliche Schranken der Humanität und Zivilisation bricht, die spätestens seit dem 18. Jahrhundert in Europa galten.

Götz Aly hat bei der Suche nach den Motiven eine Grundhaltung vermieden, die verständlicherweise den Blick vieler anderer Historiker beeinflusst hat: den Zwang zur Distanzierung: „Mit einer Distanziertheit, die oft die eigene Familiengeschichte ignoriert, bezeichnen wir sie vorzugsweise als ‚die Nationalsozialisten‘, ‚die Nazi-Schergen‘, das ‚NS-Regime‘, ‚fanatische Rassenideologen‘ oder wir sprechen vom ‚paranoiden Weltbild der Rassenantisemiten‘ und von der ‚völkischen Bewegung‘. Mit solchen Terminologien ist wenig Einsicht zu gewinnen.“ Aly hat bei der Suche nach den Wurzeln des Verbrechens die eigenen Wurzeln nicht ausgeklammert.

Grundlage seiner Analyse waren zwar hauptsächlich die gedruckten Bestände der Bibliothek in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem, wo Aly mehrere Forschungsaufenthalte verbringen durfte, aber auch Briefe, Tagebücher und private Aufzeichnungen aus dem Archiv der eigenen Familie. Seinen Forschungsansatz beschreibt er so:

Der Autor bei einem Vortrag

„Wenn der deutsche Antisemitismus eine Massenerscheinung gewesen ist, die man vor 1933 nicht verstecken musste, dann muss er in den Lebenserinnerungen deutscher Familien seinen Niederschlag gefunden haben. In den Hinterlassenschaften meiner Vorfahren konnte ich einige einschlägige Dokumente finden.“

Die Einsichten, die das Buch vermittelt, lassen sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen. Doch eine Quintessenz lautet, dass der Keim des Übels der gewöhnliche Neid auf den Nächsten ist, wie schon bei ältesten Verbrechen der Welt, Kains Brudermord. Der oben zitierte W. Michael Blumenthal bescheinigt dem Autor: „Götz Aly hat mir endlich eine einleuchtende Erklärung vermittelt. ich betrachte sein Buch als den wohl wichtigsten Beitrag in der unendlichen Literatur zu diesem Thema.“

Solche Komplimente provozieren natürlich Widerspruch seitens mancher Kollegen aus der Historikerzunft. Doch auch manche Kritik an Alys Buch lässt sich, wenn man sie näher betrachtet, aus dem Grundmotiv Neid erklären.

Jan-Peder Lödorfer (Text)

repor-tal (Photos)

Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933
S. Fischer Verlag, 352 Seiten, gebunden, € 22,95
ISBN 978-3-10-000426-0

Informationen: http://www.fischerverlage.de

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