Versicherung oder Verunsicherung?

Die Versicherungslandschaft ist bunt. Doch der Deutsche neigt dazu, sich bei seiner Versicherung und auch bei der Bank zu verhalten wie bei einer Ehe: ein Bund fürs Leben. Immerhin entsteht aber so mit den Jahren oft ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Kunden und seinem Versicherungsvertreter. Damit werben die Konzerne ja auch („Das ist Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer!“) Um so unangenehmer, wenn die Versicherung ihrem Kunden plötzlich einen fremden Vertreter präsentiert.

Rüdiger Strichau von der Verbraucherzentrale Berlin hält diese Vertrauensverhältnis auch für notwendig: „Ein guter Berater hat Interesse an seinem Kunden. Er sollte nicht nur einen Vertrag abschließen wollen, sondern bei Fragen im Schadensfall auch den Kunden unterstützen.“

Vorsicht vorm Fehltritt bei Versicherungen!

Ganz anders sieht das Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. Von zehn Kunden, die bei ihr Rat zum Thema Versicherungen suchen, seien neun falsch versichert: „Es fehlen wichtige Versicherungen, überflüssige und weniger wichtige sind zuhauf vorhanden, und im allgemeinen sind die Policen zu teuer.“ Castelló macht dafür die Vertreter verantwortlich: „Da fast der gesamte Vertrieb in den Händen der Vertreter liegt, tragen die zu dem schlechten ‚Zustand’ der Versicherungen der Haushalte bei – wobei es natürlich die Unternehmen sind, die durch ihr Provisionssystem dieses Vorgehen steuern. Die Vertreter sind zum Teil insofern auch Opfer.“

Muss man also allen Versicherungsvertretern misstrauen? Wohl kaum; denn die Hamburger Verbraucherschützer haben anscheinend nicht geprüft, wie viele ihrer Kunden sich direkt über das Internet versichert haben. Gerade junge Leute, die mehr aufs Geld achten müssen, oder ‚Pfennigfuchser’ versichern sich gerne direkt. Ob es dabei immer gelingt, das richtige Produkt auszuwählen, ist fraglich.

„Denn der Preis ist nicht alles“, sagt der Berliner Rüdiger Strichau. „Das muss jeder für sich entscheiden. Auch das Vertrauen kann seinen Preis wert sein.“ Er sieht Versicherungsvertreter durchaus nicht als eine Gruppe an, der man insgesamt misstrauen sollte. Empfehlenswert sei immer, ein kritisches Auge auf die Verträge zu haben, aber die Branche bestehe nicht nur aus schwarzen Schafen: „Der persönliche Kontakt empfiehlt sich vor allem bei einer Sachversicherung“, so Strichau. „Da ist es oft von Vorteil, wenn ich einen Ansprechpartner vor Ort habe.“

Wer möchte schon im Regen stehen?

Im Klaren muss man sich nur darüber sein, mit wem man sich unterhält. Da gibt es Versicherungsagenturen und –vertreter, die nur ein Unternehmen repräsentieren. Sie stehen natürlich diesem Unternehmen näher. Es gibt aber auch Vertreter, die mehrere Versicherungen bedienen. Und es gibt Versicherungsmakler, die eigentlich dem Kunden näher stehen sollten. Aber auch unter ihnen gibt es schwarze Schafe.

Was aber, wenn die Gesellschaft dem Vertreter meines Vertrauens kündigt und dem Kunden einfach eine andere Agentur zuweist? „Hierfür gibt es keine gesetzlichen Reglungen“, erklärt Rüdiger Strichau. „Die Rechtsbeziehung besteht zwischen Kunde und Versicherung. Wenn der Kunde aber unbedingt bei seinem bisherigen Versicherungsberater bleiben möchte, sollte die Gesellschaft auf diesen Wunsch Rücksicht nehmen. Durch eine Vertretungsvollmacht kann der Kunde weiterhin vom Vertreter seines Vertrauens betreut werden.“

Das werden die Versicherungen wohl meist akzeptieren, wenn sie ihre Kunden behalten wollen. Aber ob im Fall einer Ablehnung solch einer Vollmacht ein Sonderkündigungsrecht des Kunden eintritt, ist zweifelhaft.

Immer die Augen auf!

Fest steht, dass man sich immer – wenn man denn die persönliche Beratung wählt – von einem Vertreter seines Vertrauens beraten lassen sollte, wenn auch mit einem kritischen Blick. Und wer verunsichert ist, sollte sich mit seinen Versicherungsverträgen einen Beratungstermin bei einer Verbraucherzentrale in seiner Nähe geben lassen. In Berlin beträgt die Wartezeit momentan zwei bis drei Wochen, in Hamburg für eine lange Beratung eine bis zwei Wochen.

Offensichtlich sind die Verbraucherzentralen aber keineswegs einig in ihrem Urteil; also muss man als Kunde auch hier abwägen, was von der Beratung zu halten ist. Schließlich ist diese auch nicht kostenlos, und die Preise unterscheiden sich deutlich. In Hamburg kostet eine zwanzigminütige persönliche Beratung 30 Euro. Für eine ‚ausführliche Beratung’ von 90 Minuten verlangen die Hamburger sogar stolze 150 Euro. Die Berliner Kollegen nehmen sich schon für 20 Euro eine halbe Stunde Zeit für den Kunden; anderthalb Stunden guter Rat sind hier also für nur 60 Euro zu haben. Also auch Augen auf bei der Verbraucherberatung!

Text: Ruth Hoffmann

Photo ‚Hund‘: © javier brosch – Fotolia
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Informationen: www.vz-berlin.dewww.vzhh.de

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