Was lehrt
uns das?

„Wichtig ist es in der Religion, seinen Glauben von Zeit zu Zeit zu ändern.“ Ein solcher Satz kann nur von Hans Conrad Zander sein. Er ist der Spötter unter den Mystikern, der Betrug und Selbstbetrug in der Religion mit scharfen Verstand aufdeckt, aber immer auch mit Nachsicht für die Schwächen der Menschen, seine eigenen eingeschlossen.

Denn – um ein weiteres Zander-Zitat zu bemühen: „Nirgends gibt es so viel Betrug und Selbstbetrug wie in der Religion.“ Deswegen, aber nicht nur deswegen, ist die Religion auch niemals langweilig*. Jedenfalls nicht, wenn man ihr mit Zander auf die Schlichen kommt.

‚Seneca im Gasometer’ – der Titel des Büchleins ist zugleich der Titel der ersten von insgesamt 52 kurzen Texten, die der Autor als ‚höchst sonntägliche Exerzitien’ anbietet, also als geistliche Übungen.

Das Material zu diesen Übungen nimmt Zander nicht nur aus der christlichen Überlieferung. Er findet auch Parallelen, etwa zwischen den Legenden über Franz von Assisi und über den Propheten Mohammed.

Überhaupt – die Parallelen! Kostprobe gefällig?

„Wenn nicht einmal der Erzbischof von Toledo vor der Heiligen Inquisition sicher sein konnte, dann war kein Mensch mehr sicher. Genauso jetzt die drei amerikanischen Rating-Agenturen. Wenn nicht einmal mehr die USA selber vor ihnen sicher sind, dann ist kein Land mehr sicher vor Standard & Poor’s & Moody’s & Finch…“

Zweiundfünfzig Geschichten, jede gerade eine Doppelseite lang, reichen für die Sonntage eines Jahres. Es lohnt sich, nach dem Lesen die Frage zu stellen, die Thomas von Aquin liebte und die Zander gelegentlich zitiert: ‚Was lehrt uns das?’ Es lohnt sich sogar für solche Leser, die Zander nicht so erfrischend und erleuchtend empfinden wie ich, sondern sich womöglich sogar ärgern. Denn:

Kräftige Gefühle von Bitterkeit über Gott und die Kirche, so Zander, gehören zur religiösen Erwachsenheit. „Wo sie fehlen, da verkommt vor unseren Augen die christliche Gemeinde zur Hüpfburg froher Selbstgefälligeit.“

Jan-Peder Lödorfer (Text)

Random House (© Photos)

*Ein weiterer Buchtitel von Hans Conrad Zander lautet: ‚Als die Religion noch nicht langweilig war’.

Informationen: www.gtvh.de

Hans Conrad Zander:
Seneca im Gasometer
Höchst sonntägliche Exerzitien

Gütersloher Verlagshaus, 112 Seiten, 12,90 Euro

ISBN 978-3-579-06585-4

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