Festgewänder für feine Früchte

Orangenkistenplakat, Mercury, 1930er Jahre, Kalifornien, Privatsammlung

Erinnern Sie sich? Früher waren Zitrusfrüchte oft noch in Papier eingewickelt. Als Kind wollte ich immer die verpackten Orangen und Mandarinen. Zu Hause packte ich die Früchte dann aus, strich das Papier glatt, verpackte sie wieder… ein Spiel! Aber die Blätter waren dünn und hielten nicht lange. Um so faszinierender, diesen bunten Hüllen in einer Ausstellung wieder zu begegnen.

Ein Sammler aus Salzgitter hat es sich zur Aufgabe gemacht, die dünnen Papierchen zu sammeln. Zu sehen sind die außergewöhnlichen Exponate jetzt im Feld-Haus, dem Museum für Populäre Druckgrafik in Neuss. Mehr als 80 Exponate an Einwickelpapier, Kistenplakaten und Kistendekorationen sind ab dem 23. September im Feld-Haus ausgestellt. 

Orange gefällig? Dr. Ulf Sölter

Die Schau macht einen Bruchteil der Sammlung von Dr. Dirik von Oettingen aus Salzgitter aus. „Sie sind Plakate im Kleinformat“, erklärt er. „Auf begrenztem Raum wirbt der Versender für sein Unternehmen und für sein Erzeugnis. Sieh her, wie schön ich bin, wie wertvoll! Kauf mich! ruft uns die Orange zu in ihrem Festgewand.”

Wahrscheinlich hat sich jeder schon einmal nach dem Warum gefragt, der verpackte Organgen gesehen hat. Und siehe da, es machte Sinn: „Früher wurden Zitrusfrüchte noch nicht gewachst, um sie vor Schädlingen und Schädigungen zu schützen”, erklärt Dr. Ulf Sölter, Kurator der Ausstellung und Stellvertretender Direktor des Clemens Sels Museums Neuss, zu dem das Feld-Haus gehört. „Als dann mit der Einführung der Eisenbahn der schnelle Transport der wertvollen Früchte möglich wurde, wickelten die Erzeuger jede einzelne Frucht in ein Papier, um die Früchte vor Ansteckung durch eventuell faulendes Zitrusobst zu schützen.” Die Papiere wurden aus Holzschliff hergestellt und sind ähnlich dünn wie Seidenpapier. Da dieser Schutz heute keinen Sinn mehr macht, weil die Früchte gewachst werden, sieht man verpackte Organen nur noch hier und da.

 

Die meisten Einwickelpapiere kommen aus drei Produzentenländern: Spanien, Italien und den USA. Während in Spanien und den USA Plakate vor die Kisten geheftet wurden, bevorzugte man in Italien sogenannte Kistendekorationen. Diese Dekorationen waren aufwendiger in der Herstellung und wurden auf die Kisten gelegt. Manche waren sogar mit Bordüren versehen. „Die Südfrucht war eben eine Pretiose und wurde entsprechend behandelt”, sagt Ulf Sölter.

Orangenkistenplakat: Hum!, 1950er Jahre , Spanien, Privatsammlung

Die bunten Einwickelpapierchen haben die unterschiedlichsten Themen. Man findet Dagobert Duck, den Froschkönig, Tim & Struppi, Tiere und mythologische Anspielungen bis hin zu martialischen Darstellungen. Gerne nahm man aktuelle, weltbewegende Ereignisse wie die erste transatlantische Telefonleitung oder auch die Wuppertaler Schwebebahn. Aber auch kulturelle Highlights fanden ihren Weg auf diese Papierchen, zum Beispiel die Oper Carmen. Manche Papierchen lassen sich anhand der abgebildeten Ereignisse datieren: Der erste Satellit Sputnik umrundete die Erde 1958.

Der Sammler Dirik von Oettingen kann deshalb mit Recht feststellen: „Orangenpapierchen sind Kulturzeugnisse!” Die Schau ist bis zum 10. Februar 2019 zu sehen.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, © Angela van den Hoogen

Informationen: www.clemens-sels-museum-neuss.de

Anschrift: Feld-Haus, Museum für populäre Druckgrafik, Berger Weg 5, 41472 Neuss

Telefon:02131 / 90 41 41

Öffnungszeiten: samstags und sonntags 11 bis 17 Uhr

Eintritt: 2 Euro

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