Wer Schweigen bricht, muss wissen wollen

Randi Crott wollte die Liebesgeschichte ihrer Eltern aufschreiben. Die Geschichte ihres deutschen Vaters und ihrer norwegischen Mutter. Ihrem Vater Helmut, Sohn einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, gelang es, der Verfolgung zu entgehen. Niemand durfte von seinem Geheimnis wissen, sonst wäre er sofort der Verfolgung und vermutlich Vernichtung anheim gefallen. Auf seinem Verwaltungsdienst-Posten bei seiner Wehrmachts-Einheit in Nordnorwegen konnte er verräterische Papiere verschwinden lassen.

Hier lernte er Lillian kennen und lieben. Sie bewies ihm von Anfang an, dass sie zu ihm hielt, trotz der Anfeindungen von außen. Das gab ihm eines Tages die Kraft, ihr sein Geheimnis zu offenbaren, das sie nun aber genauso streng hüten musste vor aller Welt und sogar vor der eigenen Familie. Lillian schaffte dies. Eine Frau mit unglaublicher Zivilcourage, die sich selbst sogar immer wieder in Gefahr brachte, nur um den geliebten Mann zu treffen.

Randi Crott, Erzähl es niemandem!
Randi Crott

Dies ist die Zentralgeschichte des Buches, bewegend und detailliert erzählt von Tochter Randi Crott, Jahrgang 1951, der ihre Mutter erst davon erzählte, als die Tochter fast 18 Jahre alt war. Auch sie musste versprechen, nicht darüber zu reden. Daher der Titel des Buches.

Randi Crott bricht dieses Versprechen bewusst. Darüber hinaus ergänzt sie die Erzählung durch breite Hintergrund-Informationen, über die Geschichte der deutschen Besatzungsmacht in Norwegen zum Beispiel, wobei sie sich auf öffentlich zugängliche Quellen stützt.

Außerdem hat die Autorin einige Recherchen zu ihren Großeltern versucht. Doch sie gibt keine Aussagen von Zeitzeugen wieder über das, was ihre Großeltern in Deutschland erlebt haben, während der Sohn in Norwegen war. In Briefen konnten sie vermutlich nicht die Wahrheit mitteilen, ohne den Sohn zu gefährden.

Carola Crott, Randis Großmutter, überlebte den Holocaust im Lager Theresienstadt. Nach dem Krieg war in der Familie beschlossen worden, über die Zeit des Ensetzens zu schweigen – ein Recht, das jedem zusteht, der dem furchtbaren Nazi-Terror unterworfen war.

Die Enkelin wendet sich nun mit ihrem Buch an die Öffentlichkeit und erklärt ausdrücklich, das Schweigen brechen zu wollen. Doch das Schicksal ihrer jüdischen Großmutter während der Zeit der Verfolgung durch die Nazis lässt sie dennoch halb im Dunkeln. Zeitzeugen, die mit ihrer Mutter zusammengelebt haben, gibt es noch. Die Autorin hat sie nicht befragt. Sie berichtet nur von einer Zeitzeugin, die sich aber nicht an ihre Großmutter erinnert.

Randi Crott, Erzähl es niemandem!‚Erzähl es niemandem!‘ kann auch heißen: ‚Frag nicht nach!‘ Wer aber dennoch erzählen will, muss auch wissen wollen.

Ruth Hoffmann (Text)

Dumont (Cover)
© Tom Luther Photography (Autorenphoto)

 

 

 

 

Informationen: www.dumont-buchverlag.de

Randi Crott / Lillian Crott Berthung: Erzähl es niemandem! Die Liebesgeschichte meiner Eltern
Dumont 2012
288 Seiten
19,99 Euro
ISBN 978-3-8321-9640-0

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Kommentare 1

  • Habe das Buch vor ein paar Jahren meiner Mutter als Geschenk übergeben. Ich dachte mir, das ist bestimmt ein interessantes Buch für sie. Mama war Jahrgang 1926, hat also auch den Krieg miterlebt und konnte sich, wie sie mir erzählt hat, wunderbar in die Geschichte von Helmut und Lillian reinversetzen. Sie hat mir auch des Öfteren von ihren Erlebnissen im Krieg erzählt, was mich immer sehr interessiert hat. Sie hat so oft zu mir mit Tränen in den Augen gesagt: „Dieser verdammte Krieg hat uns die Jugend genommen!“ Jetzt ist Mama, mitten im Satz, überraschend gestorben. Sie durfte 90 1/2 Jahre alt werden. Mir fehlt sie sehr. Ich bin eigentlich kein großer Bücherleser. Aber ich habe mir das Buch „Erzähl es niemandem!“ jetzt an mich genommen und habe auch schon die Hälfte gelesen. Ich bin ganz einfach hin und weg von diesem Buch. Ich bin froh, dass ich mir vorgenommen habe, diese Buch zu lesen. Ich ziehe sogar Vergleiche zwischen den Personen, über deren Geschichte geschrieben wird, und meinen Eltern. Mein Vater war auch als Soldat im Krieg und auch in Gefangenschaft. Davon hat er mir immer erzählt. Wenn ich in dem Buch lese, habe ich das Gefühl, meinen Eltern, die 2014 und 2017 gestorben sind, Jahrgang 1924 und 1926, ganz nahe zu sein. Vielen herzlichen Dank für dieses großartige Buch.

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