Lesen und Läden lieben lernen

Ob ich überhaupt dieses Buch besprechen darf? Zwei Dinge sprechen dagegen: fifty2go ist ein Internet-Magazin, und ich habe nicht nur positive Erlebnisse mit kleinen Läden. Andererseits! fifty2go wird mit Herzblut geschrieben. Und schon sind wir mitten im Thema: Herzblut. Eine Liebeserklärung an den kleinen Laden. Ein Buch von Eva-Maria Altemöller. Hach, wie gern würde ich so manches mit der Autorin diskutieren!

Eva-Maria Altemöller ist nicht nur Besitzerin mehrerer Buchläden, zweier Stoffläden, sondern auch Sprachwissenschaftlerin und obendrein ungemein eloquent. Es ist ein reines Vergnügen, ihre Texte zu lesen., ganz egal, ob man sich persönlich für den Inhalt interessiert. Ob man ihrer Meinung zustimmt oder davon abweicht – ihr einfach gutes, gepflegtes Deutsch ist ein Lesegenuss!

Aber auch inhaltlich ist Herzblut ein Vergnügen. Zwar könnte der Untertitel Eine Liebeserklärung an den kleinen Laden die Gedanken ein wenig in eine andere Richtung lenken, nämlich in Richtung ‚kleine Läden‘. Doch Eva-Maria Altemöller hat sich vor allem auf ihre Fahnen geschrieben, gegen den Trend des Internet-Shoppens zu intervenieren – mit sehr vielen guten Argumenten: es sei zeitaufwendig, gebe zu viele schlechte Billigprodukte, mangelnde Beratung etc… Und in den meisten Fällen hat sie durchaus Recht.
Allerdings sind lange nicht alle traditionellen Läden so kundenfreundlich und qualitätsorientiert wie die, denen ihre Liebeserklärung gewidmet ist. 

Die gilt nämlich in erster Linie ihrer Insel Lindau. Da möchte ich sofort gerne hinreisen, im Hotel Engel wohnen, in den Buchläden von Frau Altemöller stöbern und würde mir vielleicht sogar in den so außergewöhnlich beschriebenen Haushaltswarenläden Spätzle-Siebe oder -Hobel anschauen, ohne sie jemals benutzen zu wollen.
Aber – sehen Sie, da liegt das Problem: Dafür müsste ich nach Lindau reisen. Denn in unserer nicht ganz kleinen Stadt gibt es kein liebevoll gut sortiertes Haushaltswarengeschäft mehr. Das letzte mir bekannte hat vor ein paar Jahren geschlossen. Im örtlichen Fachhandel fand ich nich mal eine Pfanne für die in unserer Region so beliebten Bollebäusken. Da war ich richtig froh, einen kleinen Händler in Norddeutschland ausfindig zu machen, der solche fanden vertreibt – über das Internet.
Und als ich einmal ein nicht ganz gängiges Buch bestellen wollte, forderte man, dass ich es garantiert abnehme. Vorher anschauen durfte ich es nicht. Nicht mal ein vorrätiges Buch durfte ich aus der Folie nehmen. Das Internet gewährt mir einen Blick in die Seiten.
Ein Elektro-Kleingeräte-Einzelhändler, nachdem ich mich nach seiner Beratung nicht sofort zwischen zwei Geräten entscheiden konnte: „Ja, das kennen wir, erst hier beraten lassen und dann im Internet bestellen.“ Das konnte ich dann nur noch mit „Gute Idee“ kommentieren. So schafft sich der Einzelhandel selbst ab.
Dennoch stimme ich Eva-Maria Altemöller voll und ganz zu, stöbern in stimmungsvollen Läden, Atmosphäre tanken und mit nach Hause bringen, das gibt Lebensqualität. Und es lohnt sich, bei Reisen mal nach den besonderen kleinen Läden zu suchen; denn man findet sie nicht nur in Lindau.
Aus eigenen Erfahrungen in jüngster Zeit empfehle ich zum Beispiel in Lilienthal bei Bremen das Fischgeschäft und Restaurant Amendssons; liebevoll ausgestattet, voll skandinavischer Produkte, die nicht überall zu haben sind und leckeren Fisch- und Elch-Spezialitäten, ist der Aufenthalt dort wie eine kleine Reise in die Schärengebiete Schwedens und Norwegens.
Oder das Café Knigge in Bremen, nicht unbedingt gemütlich, weil meist ziemlich voll, aber mit den besten Kuchen und Pralinen weit und breit, einfach ein Muss.
Oder das kleine Hotel Peter an der Weser, kurz nachdem sie sich in Hann. Münden (die Stadt schreibt sich tatsächlich ganz offiziell mit einem Punkt) aus Werra und Fulda zusammenfließt, unspektakulär, schlicht, aber das freundliche Lächeln der Gastgeberin Carmen Weigand löst gleich ein Gefühl vom Angekommensein aus. …
Du liebe Güte – Frau Altemöller! Was haben Sie mit mir gemacht? Auf all diese kleinen Kraftorte haben Sie mich gestoßen, sie mir bewusst ins Gedächtnis gerufen. Ja, es liegt an der Einstellung der Ladenbesitzer und ob sie ihre Angestellten dazu animieren, genau diese Atmosphäre auch in ihrer Abwesenheit zu verbreiten.
Ich muss mich bremsen. Herzblut kann ich nur jedem empfehlen; denn es ist mit Herzblut geschrieben und weckt Herzblut in seinen Lesern, wenn sie nicht ganz in der Zweidimensionalität aufgegangen sind.

Text: Ruth Hoffmann

Cover mit freundlicher Genehmigung von Buchcontact

Informationen: thiele-verlag.comwww.altemoellersche.de

Eva-Maria Altemöller: Herzblut. Eine Liebeserklärung an den kleinen Laden.
Sanssouci, 144 Seiten, gebunden
12 Euro
ISBN 978-3-99056-067-6

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