Die Karrieristin
ohne jeden Skrupel

„Bah, wat habt ihr für ’ne fiese Charakter“, sagt Studienrat ‚Bömmel‘ aus der ‚Feuerzangenbowle‘ von Heinrich Spoerl. Diesen Ausspruch möchte man spontan auf die hochadelige Stephanie von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst anwenden, nachdem man das Buch von Martha Schad gelesen hat. Martha Schad zeichnet mit buchhalterischer Genauigkeit die Lebensdaten der nachmaligen Prinzessin und ihres unmittelbaren und auch sehr weit entfernten Umfeldes auf.

Die 1891 in Wien geborene Tochter eines Rechtsanwaltes hatte laut der Beschreibung ihrer Biographin niemals etwas anderes im Kopf, als sich selbst ins günstigste Licht zu setzen, sich bei Entscheidungsträgern und Mächtigen einzuschmeicheln und davon vor allem selbst ein angenehmes Leben zu führen. Das begann wohl schon mit der offenbar mit Absicht ins Werk gesetzten Zeugung eines Kindes mit Franz Salvator, Erzherzog von Österreich-Toskana, immerhin Schwiegersohn des Kaisers Franz Joseph von Österreich. Um einen handfesten Skandal zu vermeiden, verheiratete der Kaiser die zielstrebige junge Stephanie mit Friedrich Franz Prinz von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst. Damit war die erste Hürde in den Adelsstand genommen. Die Ehe hielt nur sechs Jahre, in denen das ‚junge Glück‘ schon meist getrennt lebte.

Lord Rothermere

Stephanie sucht ihr persönliches Fortkommen in der High-Society Europas. Insbesondere beim britischen Zeitungsmogul Harold Harmsworth, Viscount Rothermere, hatte sie einen Stein im Brett. Durch ihn machte die Hohenlohe die Bekanntschaft Hitlers, von dem sie durch und durch fasziniert war. Rothermere wollte den ‚Führer‘ kennenlernen, und die Prinzessin sollte den Kontakt herstellen. – Kein Problem für die ‚männerfressende‘ Prinzessin. Doch wie gelang es ihr, all die gewiss auch von anderen Frauen bewunderten männlichen Zeitgenossen für sich einzunehmen?

Die Photos zeigen eine zwar elegante, aber eher unscheinbare Frau. Die große Schönheit, die Biographin Martha Schad ihr zuschreibt, scheint auf den veröffentlichten Aufnahmen nicht deutlich hervor. Stephanie Hohenlohe muss einen außergewöhnlichen Charme und eine ungeheure Beredsamkeit gehabt haben, um ihre ‚Opfer‘ zu umgarnen. Hinzu kam ihre Bereitschaft, wann immer es sie vorwärts brachte, Männern als Geliebte zu dienen.

Stephanie von Hohenlohe

Zu diesen ‚Opfern‘ zählte Hitler aber wohlgemerkt nicht. Er wusste die Zielstrebigkeit und den Ehrgeiz des Wiener ‚Madls‘ für sich zu nutzen. So lange sie nützlich war. Dann ließ er die Hohenlohe genauso fallen, wie viele seiner vermeintlich Vertrauten.

Die jüdische Journalistin Bella Fromm, die 1939 ins Exil in die USA ging, war der ‚Anführungszeichen-Prinzessin‘ wie sie sie nannte, immer auf der Spur. Fromm stellte Hohenlohe auf eine Stufe mit Mata Hari.

Im selben Jahr kam auch Stephanie über den Ozean. Sie war inzwischen weder in Deutschland noch in Großbritannien gern gesehen. Noch 1938 wurde ihr Schloss Leopoldskron im Salzburger Land zugesprochen, nachdem der Vorbesitzer Max Reinhardt enteignet worden war. Der Regisseur ging 1937 in die USA ins Exil. Hohenlohe selbst fiel 1939 in Ungnade, weil Hitler hinter ihr Verhältnis mit seinem persönlichen Adjutanten Fritz Wiedemann kam und Verrat witterte. Wiedemann wurde als Generalkonsul nach San Francisco geschickt, und Stephanie folgte ihrem langjährigen Geliebten – nicht ohne auf zahlreichen Zwischenstationen sich anderen Männern zu widmen.

Martha Schad
© Fred Schöllhorn

Martha Schad schreibt den Lebensweg und die Verhältnisse der Hohenlohe akribisch auf. Manchmal zu akribisch, wenn sie ganze Buchseiten mit den Namen und Daten von Randfiguren füllt, die bestenfalls in einem Anhang oder einer Fußnöte Erwähnung verdienten. Bestimmt hat sie aber jeden Hinweis verfolgt, den es auf das Leben der Hohenlohe gab – eine Fleißarbeit. Aber die einer Chronistin, nicht einer Biographin. Auch Schads Stil lässt hier und da zu wünschen übrig: Oft lassen ihre Satzkonstruktionen keinen eindeutigen Bezug mehr erkennen. Eine sorgfältige Lektorierung hätte dem Buch geholfen.
Was fast ganz fehlt, ist der jüdische Bezug im Leben dieser Frau. Ihre Mutter war erst kurz vor der Hochzeit zum Katholizismus übergetreten. Sie stammte aus einer bekannten jüdischen Familie. Hohenlohe hat solch einen Ursprung immer zurückgewiesen. Und Hitler hat ihn ignoriert. Er konnte seine jüdische Spionin gut gebrauchen, somit war sie über jeden Zweifel erhaben. Ihr Status wurde mit dem ‚Goldenen Ehrenzeichen der NSDAP‘ besiegelt, auf deren Rückseite Hitlers Signatur eingeprägt war. Damit war sie ‚Ehrenarierin‘ geworden und für ihre Neider und Feinde unantastbar.

Text: Ruth Hoffmann

Cover © Herbig Verlag
Photo Martha Schad mit freundlicher Genehmigung des Herbig-Verlages

Martha Schad: Stephanie von Hohenlohe – Hitlers jüdische Spionin
Herbig Verlag, 1. Auflage 2012, 272 Seiten, 15 Abbildungen
ISBN 978-3-7766-2682-7
19,99 Euro (D), 20,60 Euro (A), 29,90 Franken (CH)

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One Response to Die Karrieristin
ohne jeden Skrupel

  1. Renate Boos 24. September 2016 at 09:46 #

    Grade eben habe ich das Buch von Martha Schad zu Ende gelesen und tauche erst allmählich aus der Welt dieser unglaublichen und schillernden Persönlichkeit „Stephanie von Hohenlohe“ und vor allem ihrer geschichtsträchtigen „Entourage“ auf. Ich hatte mich auf ein relativ trockenes, dokumentarisches Buch eingestellt und dokumentarisch ist es ja auch, weil so genau recherchiert und mit Quellenangaben versehen und trotzdem war es spannend wie ein Krimi.
    Das ist schon ‚umwerfend‘, wie diese Frau stets auf die Männer gewirkt hat, die meist „groß“ in Wuchs und Bedeutung waren. Enorm viel gelernt habe ich dazu über die Atmosphäre und die Presse im Ausland während der Nazizeit und danach der 50er/60er Jahre. Letztere habe ich – zu der Zeit Jugendliche bzw. Studentin – selbst sehr bewußt erlebt.

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