Das immer neue alte Lied von Macht und Dummheit

König Lear, eine Geschichte so alt wie die Menschheit, von Neid und Raffgier bestimmt, endet sie in der Auflösung des Bestehenden. Nehmen wir es positiv: Aus dem Untergang kann etwas Neues entstehen. Die Inszenierung der bremer shakespeare company, aufgeführt beim Shakespeare-Festival im Neusser Globe, erinnert fatal an das aktuelle ‚Brexit-Chaos‘.

Cordelia (Theresa Rose) und König Lear (Erik Rossbander) finden im Tod wieder zusammen, während Regan (Petra-Janina Schultz) von ihrer Schwester vergiftet wurde. Foto: Marianne Menke

Als Vorlage für seinen King Lear diente Shakespeare vermutlich schon die Sage vom König Leir aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, kurz: Kinder streiten sich um ihr Erbe. Intrigen und Lügen sind die trügerischen Fundamente, auf denen ihre vermeintliche Macht sich gründet. Der alte König erkennt seine Fehler zu spät und geht damit unter; ihm bleibt nicht einmal die Befriedigung, sein Reich in verantwortungsvolle Hände gegeben zu haben. Die Tochter, die als einzige die Regierung in seinem Sinn weitergeführt hätte, hat er verstoßen. Das Reich Britannien ist in desolatem Zustand. Das Ende bleibt offen. Sind Cordelia und Lear schon tot oder besteht noch Hoffnung?

Spannend wirkt die (mehrfach-)Rolle von Tobias Dürr, der sich durch sämtliche Diener, Narren und Gefolgsleute spielt. In ostentaiver Untertänigkeit unter wechselnden Masken treibt er das Spiel vorwärts, König Lear in den Wahnsinn, dessen Töchter Goneril und Regan in den Tod und die Söhne des Grafen Gloucester in den Zweikampf. Immer und überall ist er dazwischen, überbringt Botschaften als Diener oder versucht, als Gefolgsmann Einfluss zu nehmen.

In dieser Inszenierung glänzt besonders Markus Seuß, der zwischen seinen Rollen als Edgar / Armer Tom, Graf Albany und Gesandter des Königs von Frankreich geradezu hin- und herfliegt. Als Edgar bringt er gleich drei Charaktere auf die Bühne.

Schon zu Shakespeares Zeiten sind Varianten des Stückes belegt – beste Voraussetzung für den charakteristischen ‚Mingle-Mangle‘-Stil der Bremer. Den König Lear wird man sich mehrmals ansehen können und immer Neues entdecken, Varianten erspüren, Zeichen deuten.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.shakespeare-company.com

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