Theater über Welten und Zeiten

Macbeth – überzeugend gespielt von Ng Wai Shek

Macbeth als T’ai Chi Form – Das Tang Shu-Wing Theatre Studio aus Hongkong gastiert beim Shakespeare Festival im Neusser Globe Theater. Entfernte Zeiten und -welten treffen aufeinander und eine neue Form entsteht.

Eine der berühmtesten Anekdoten der chinesischen Kulturtradition erzählt von dem Philosophen Chuang-Tsu, der träumte, er sei ein Schmetterling. Der Traum war so intensiv, dass der Weise beim Aufwachen nicht mehr sicher war: Bin ich Chuang-Tsu, der träumte, er sei ein Schmetterling – oder bin ich ein Schmetterling, der träumt, er sei Chuang-Tsu?

Anson Lam Pui Lim – Der Geist von Duncan. Sogar das Zeichen eines Würdenträgers, der Schirm, ist nur noch ein Gerippe.

Der Hongkonger Regisseur und Theatergründer Tang Shu-Wing hat seine Inszenierung des Shakespeare-Dramas Macbeth in eine Rahmenhandlung gesetzt, die dieses klassisch-chinesische Motiv der Kontingenz aufgreift: Macbeth und seine Lady sind ein modernes Ehepaar, das die ganze Tragödie vom mörderischen und selbstzerstörerischen Ehrgeiz gemeinsam träumt. Als sie aufwachen, finden sie allerdings einen Dolch. War es also doch kein Traum?

Die Handlung jedenfalls spielt nicht wie Shakespeares Plot im ruppigen Schottland und vorwiegend im Dunkeln, sondern im hoch zivilisierten alten China mit seinen bis ins Detail ausgefeilten Riten und Sitten. In einer konfuzianischen Gesellschaft spiegelt das äußere Verhalten die innere Haltung und prägt sie zugleich. Damit gleicht die Gesellschaft dem Theater und umgekehrt.

Tang Shu-Wing ist in der chinesischen wie in der westlichen Kultur gebildet und nennt als abendländische Einflüsse die Arbeiten von Meyerhold und Grotowski, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Moskau mit den physischen Ausdrucksmöglichkeiten experimentierten, und als asiatische die sowohl meditativen als auch streng formalen Traditionen von T’ai Chi und Yoga.

Ist er Macbeth oder ist er ein moderne Mann? Ng Wai Shek verkörpert den Zwiespalt perfekt.

Entsprechend ist dieses Theater-Ereignis geprägt von den hoch stilisierten zeitlupen-artigen Bewegungen des T’ai Chi und den phantastischen Kostümen und Masken im klassisch chinesischen Stil, wirkungsvoll akzentuiert von live gespielter Percussion, von Gesten und zeremoniellen Bewegungen, deren Bedeutung sich dem westlichen Zuschauer nur zum Teil erschließen.   

Das Publikum im Neusser Globe hat dem Ensemble diese Performance mit brausendem Applaus gedankt – obwohl bis auf Wenige im Publikum wohl kaum jemand den durchaus langen Dialogen in kantonesischer Sprache auch nur annähernd folgen konnte.

Beim Shakespeare-Festival geht jeder Aufführung ein kurzer, erläuternder Vortrag der Dramaturgin Vanessa Schormann voraus. Leider befasste sie sich ganz überwiegend mit allgemein leicht zugänglichen Informationen wie dem Plot des Dramas und einigen historischen Fakten zur Hexenverfolgung im Europa der frühen Neuzeit und unter der Regierung von Jakob VI. in Schottland. Geholfen hätte dem Publikum vermutlich etwas mehr Input zu den verschiedenen Quellen dieser Theaterform.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, © Fung Wai Sun

Informationen: www.shakespeare-festival.de

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