The Cleaner

Marina Abramović, Stromboli III Volcano, 2002, Digitalabzug, Typ C (Lambda) © Marina Abramović
Foto: © Paolo Canevari,Courtesy of the Marina Abramović Archives
and Lia Rumma Gallery, Milan / Naples, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Marina Abramović überschreitet gerne ihre eigenen physischen und psychischen Grenzen. Dadurch wurde die 1946 geborene Belgraderin zu einer der meist diskutierten internationalen Künstlerinnen. Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt jetzt eine Retrospektive, getitelt The Cleaner.

Marina Abramović, The Hero, 2001, © Marina Abramović, Foto: © TheMahler.com Courtesy of the Marina Abramović Archives VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Bedeutung von Marina Abramović sei „so immens, dass eine große Retrospektive in Europa längst fällig war“, sagt Rein Wolfs, der Intendant der Bundeskunsthalle. Die Ausstellung nennt er ohne Anflug von Bescheidenheit ein „Gesamterlebnis größter kunsthistorischer Tragweite.“ 

Die Retrospektive zeigt Werke aus fünfzig Jahren – von den Anfängen, allein, aus ihrer zwölfjährigen Partnerschaft und künstlerischen Zusammenarbeit mit dem deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen, *1943) bis in die Gegenwart. Filme, Fotografien, Malerei, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen sowie ausgesuchtes Archivmaterial zeigen die thematische und mediale Bandbreite der Künstlerin. Das größte authentische Erlebnis, versprechen die Veranstalter, seien die „Re-Performances“, weil sie einen direkten, emotionalen und ungefilterten Zugang zum künstlerischen Anliegen von Abramović böten. 

Marina Abramović, Rhythm 0, Performance, 6 Stunden, Studio Morra, Neapel, 1974 © Marina Abramović, Photo: © Donatelli Sbarra Courtesy of the Marina Abramović Archives VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die frühe Arbeit der Künstlerin mit immateriellen Kunstformen – Klang und Performance – füge sich in die generelle Entwicklung der experimentellen Kunstszene der 1960er- und 1970er-Jahre. Ihr Werk sei bis heute geprägt von verschiedenen Kulturen, spirituellen Traditionen und politischen Krisen, in denen sie sich bewegte – angefangen bei ihrer Kindheit im ehemaligen kommunistischen Jugoslawien, wo sie im Spannungsfeld zwischen dem glühenden politischen Engagement ihrer Eltern und der nicht weniger glühenden Religiosität ihrer Großmutter aufwuchs. 

Die Ebene der Zeit-Erfahrung und der Umgang mit dem eigenen Körper sind weitere Faktoren. Seit mehr als fünfzig Jahren reagiert Abramović auf die sie umgebende Welt und bedient sich dabei ihres Körpers und ihrer Bewegung als künstlerisches Ausdrucksmittel, mit physisch und mental stark fordernden Performances bis hin zu gewaltsamen und riskanten Aktionen, aber auch eher stillen Begegnungen mit dem Publikum. 

Die ‚Abramović-Methode‘ der Konzentration und Mobilisierung der eigenen Kräfte und Energien, um eine größtmögliche Toleranz und Offenheit im Dialog zu erreichen, wird in Workshops weltweit praktiziert. Die Künstlerin spricht grundlegende existenzielle Fragen an, provoziert und berührt den Betrachter somit in direkter Weise. Gemäß ihrer Überzeugung “A powerful performance will transform everyone in the room” stellt sie Hierarchien in Frage und fokussiert ihr Werk auf individuelle und kollektive Erfahrungen.

 

Ein immer wiederkehrendes Thema in ihren Arbeiten ist das Läutern und Säubern – physisch und symbolisch – mithilfe von Feuer, Schreien, Wasser und Seife, Mineralien, Zeit und Stille. Katharsis und Verwandlung sind Schlüsselkonzepte ihres Werkes. In der Darstellung von Zuständen, Gefühlen, Beziehungen, Spannungen, Machtverhältnissen und Energien sind die Werke der Künstlerin offen für existenzielle sowie politische Interpretationen. 

Die Ausstellung der Bundeskunsthalle ist in Kooperation mit dem Moderna Museet, Stockholm, und dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, entstanden. Zu sehen ist sie bis zum 12. August 2018. Im Anschluss wir sie im Palazzo Strozzi in Florenz gezeigt. 

Text: Bundeskunsthalle / repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung der Bundeskunsthalle

Informationen: www.bundeskunsthalle.de

Anschrift: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, 52113 Bonn

Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs 10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags und feiertags: 10 bis 19 Uhr

Telefon: 0228 – 91 71–200

Eintritt: 10 €

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:
Lena Essling (Hrsg.): Marina Abramović. The Cleaner
Museumsausgabe, 280 Seiten, Broschur, 32 Euro
Buchhandelsausgabe, Verlag Hatje Cantz, 39,80 Euro

Biografie Marina Abramović

1946
Marina Abramović wird am 30. November in Belgrad im ehemaligen Jugoslawien geboren. Ihre Eltern, Vojo und Danica Abramović, sind jugoslawische Partisanen im Zweiten Weltkrieg und als Mitglieder im öffentlichen Sektor der Kommunistischen Partei unter General Tito politisch aktiv. Dieses Engagement führt bei beiden später zu hohen Positionen: Der Vater arbeitet bei der Staatssicherheit, die Mutter wird Leiterin des Kunst- und Revolutionsmuseums in Belgrad.
Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr lebt Abramović bei ihrer Großmutter mütterlicherseits, einer Anhängerin der orthodoxen Kirche, was sie in frühen Jahren beeinflusst. 

1953–1958
Die Familie Abramović begeht keine gemeinsamen Fest- oder Feiertage und lässt nur selten Gefühle zu. Die Nähe zu Kunst und Kultur ist jedoch offensichtlich. Schon in frühen Jahren wird Marina ermuntert, sich kreativ durch Zeichnen und Malen auszudrücken. Als sie zwölf Jahre alt ist, wird ihr zu Hause ein eigenes Atelier eingerichtet. 

1960–1965
Malunterricht. 

1965–1970
Sie studiert Malerei an der Kunstakademie in Belgrad. In dieser Zeit wird ihr anfänglich gegenständlicher Stil zunehmend abstrakt. Abramović beginnt, Wolken zu malen, ein Motiv, das in ständig abgewandelter Form in mehreren ihrer Werke aus den Jahren an der Akademie immer wieder auftaucht. 

1970–1973
Diplom an der Kunstakademie in Zagreb. Dort beginnt sie ihren Körper als Instrument in ihrer Kunst einzusetzen. Abramović arbeitet erstmals mit Klang und Performance. Sie verbringt viel Zeit am Studenski Kulturni Centar (SKC), einem studentischen Kulturzentrum in Belgrad, das von Tito im Jahr 1968 gegründet wurde. Dort lernt sie junge Konzeptkünstler wie Raša Todosijević (geb. 1945), Zoran Popović und Neša Paripović (geb. 1942) kennen. 

1973
Erste öffentliche Performance Rhythm 10 auf dem Edinburgh Festival. Dort lernt sie den Künstler Joseph Beuys (1921–1986) kennen.
Sie arbeitet mit dem Grenzen überschreitenden Aktionskünstler Hermann Nitsch (geb. 1938) zusammen. 

1974
Im SKC zeigt Marina Abramović das Werk Rhythm 5. Im selben Jahr wird Rhythm 4 in der Mailänder Galleria Diagramma und das letzte Werk der Serie, Rhythm 0, in der Galerie Studio Morra in Neapel präsentiert. 

1975
In Amsterdam lernt sie den deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen, geb. 1943) an ihrem gemeinsamen Geburtstag, dem am 30. November kennen. Abramović performt in Belgrad, Edinburgh, Innsbruck, Berlin, Amsterdam und Kopenhagen. 

1976
Abramović arbeitet nun zusammen mit Ulay. Gemeinsam realisieren sie die erste Performance, Relation in Space, auf der 37. Biennale di Venezia.
Sie verlässt Belgrad und zieht nach Amsterdam zu Ulay. 

1977–1979
Die beiden beschließen, ihren festen Wohnsitz aufzugeben und gegen ein nomadisches Leben in einem Citroën-Kleintransporter einzutauschen. In den folgenden drei Jahren reisen sie durch ganz Europa. 

1980–1981
Ulay und Abramović reisen nach Australien und leben neun Monate lang beim Stamm der Pintupi. Beeinflusst von der Kultur der Aborigines, entwickeln sie die Performance Nightsea Crossing. 

1982
Sie präsentieren Nightsea Crossing auf der documenta 7 in Kassel. Abramović und Ulay reisen nach Bodhgaya, Indien. Dort praktizieren sie die Meditationstechnik Vipassana und begegnen dem Dalai Lama und dessen ältestem Meister, dem Tulku Kyabje Ling Rinpoche. 

1983
In den Niederlanden realisieren die beiden gemeinsam mit einem tibetischen Lama und einem Aborigine-Medizinmann die viertägige Performance Nightsea Crossing Conjunction. 

1986
Die Serie Nightsea Crossing endet nach sechs Jahren mit einer Performance im Musée Saint Pierre Art Contemporain in Lyon.
Reise nach China. 

1988
Nach jahrelanger Vorbereitung erhalten die beiden die Genehmigung zum Gang über die Große Chinesische Mauer für ihr Werk The Lovers. Abramović und Ulay laufen von den entgegengesetzen Enden der Mauer aufeinander zu und treffen sich nach 90 Tagen in der Mitte. Dieses Wiedersehen markiert nicht nur das Ende ihrer privaten Beziehung, sondern auch das Ende einer zwölfjährigen künstlerischen Zusammenarbeit. Die Arbeit wird 1990 im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk gezeigt. 

1989
Abramovićs neue Solowerke bestehen aus einer Serie interaktiver Objekte, den Transitory Objects, die von Geologie und von chinesischer und tibetischer Medizin beeinflusst sind. 

1990
Marina Abramović siedelt nach Paris über, behält aber ihr Haus in Amsterdam. Aufgrund ihres frühen Interesses an östlicher Philosophie wird sie zur Teilnahme an der denkwürdigen Ausstellung Magiciens de la Terre im Pariser Centre Pompidou eingeladen. Kurz nach dieser Gruppenausstellung wird The Lovers im selben Museum präsentiert. 

1991
Gastprofessur an der Hochschule der Künste, Berlin, und an der Académie des Beaux-Arts, Paris. 

1995
Retrospektive im Museum of Modern Art in Oxford.
Die Performance Cleaning the House wird in der Sean Kelly Gallery in New York präsentiert. 

1996
Eröffnung der Retrospektive Marina Abramović: Objects, Performance, Video, Sound im Stedelijk Museum voor Aktuele Kunst in Gent und in Brandts Klædefabrik in Odense.
Teilnahme an der Ausstellung NowHere im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk. 

1997
Abramović wird für ihr Werk Balkan Baroque als beste Künstlerin mit dem Goldenen Löwen auf der 47. Biennale di Venezia ausgezeichnet. 

1998
Ernennung zur Professorin an der Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig.
Sie entwickelt den Workshop Cleaning the House, eine Reihe von Übungen zur Konzentration und Geistesgegenwart. 

1999
Im indischen Mundgod choreografiert Abramović gemeinsam mit tibetischen Mönchen eine Performance für das Festival of Sacred Music in Brüssow. 

2000–2001
Vojo Abramović stirbt in Belgrad. Im folgenden Jahr produziert sie das Video The Hero, das ihrem Vater gewidmet ist. 

2000
Das interaktive Projekt Dream House startet in Zusammenhang mit der Echigo- Tsumari Art Triennial in Japan. Das Traumhaus wird mit Farben und Möbelstücken aus wertvollen Materialien dekoriert, die Träume stimulieren sollen, und dauerhaft installiert. 

2002
Umzug nach New York. 

2004
Das Art Institute of Chicago verleiht Abramović die Ehrendoktorwürde. Sie reist nach Belgrad, um das Videoprojekt Balkan Erotic Epic zu entwickeln, und nimmt auch an der Biennale 2004 im Whitney Museum of American Art in New York teil. 

2005
Seven Easy Pieces wird im Solomon R. Guggenheim Museum in New York präsentiert. Das Werk besteht aus sieben Wiederaufführungen früherer Performances verschiedener Künstlerinnen und Künstler: Valie Export, Vito Acconci, Bruce Nauman, Gina Pane, Joseph Beuys und Marina Abramović selbst. 

2007
Danica Abramović stirbt in Belgrad. 

2010
Das New Yorker MoMA präsentiert die Retrospektive The Artist is Present mit zahlreichen Wiederaufführungen von Werken der Künstlerin. Im Rahmen der Veranstaltung entsteht die gleichnamige Performance The Artist is Present. Abramović gründet das Marina Abramović Institute (MAI), das interdisziplinär arbeitet, um eine theoretische und praktische Plattform für Performance-Kunst zu schaffen. 

2014
Die Ausstellung 512 Hours wird in der Londoner Serpentine Gallery präsentiert. Das Projekt besteht aus einer Reihe interaktiver Übungen unter Beteiligung des Publikums, die vom Arbeitsprozess der Künstlerin ausgehen. 

2016
Die Autobiografie Durch Mauern gehen von Marina Abramović wird in den USA veröffentlicht und in 21 Sprachen übersetzt. 

2017–2018
Die umfangreiche europäische Retrospektive Marina Abramović – The Cleaner beginnt im Moderna Museet in Stockholm. Weitere Stationen der Ausstellung sind das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, das Henie Onstad Kunstsenter in Oslo, die Bundeskunsthalle in Bonn und der Palazzo Strozzi in Florenz. 

2017–2020
Die Dänische Königliche Bibliothek präsentiert die Arbeit Abramović Method for Treasures mit ausgewählten Exponaten im Anbau der Bibliothek, The Black Diamond. 

In Planung für 2019
Alte Oper Frankfurt: Anders hören: Die Abramović-Methode für Musik. 

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