Wie war zu Köln es doch vordem…

Die Sage von den Heinzelmännchen gibt es schon lange. Schon die Brüder Grimm nahmen eine Variante in ihre Märchensammlungen von 1812 auf. ‚Die Wichtelmänner’* heißt das 39. der ‚Kinder- und Hausmärchen’ in der ersten Sammlung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. In welcher Stadt oder Landschaft diese Geschichte spielt, ist aber nicht überliefert.

Heinzelmännchen, Heinzelmännchen-Brunnen, Köln
Wie war zu Köln es doch vordem ...

Ernst Weyden, ein Kölner Schriftsteller, veröffentliche die Geschichte der ‚Heinzelmännchen‘ dann in seinem Werk ‚Cöln’s Vorzeit’ 1826. Seine Erzählung beginnt: „Es mag noch nicht über fünfzig Jahre seyn, daß in Cöln die sogenannten Heinzelmännchen ihr abenteuerliches Wesen trieben. Kleine nackende Männchen waren es, die allerhand thaten, …“ Kleine nackende Männchen wie im Märchen der Brüder Grimm also.

In der ziemlich konkreten Zeitangabe mag die Entstehungsgeschichte der Variante liegen: der Einmarsch der Franzosen ins Rheinland. Das Regime der ‚Franzmänner’ machte der rheinischen Gemütlichkeit ein Ende. Die Zünfte verloren an Macht, und das Leben der Handwerker wurde von den neuen Herren ganz genau geregelt. Das fand der Rheinländer im allgemeinen und der Kölner insbesondere gar nicht amüsant.

Heinzelmännchen, Heinzelmännchen-Brunnen, Köln, August Kopisch
August Kopisch

Zehn Jahre später, 1836, schrieb der Berliner Historienmaler und Schriftsteller August Kopisch die berühmte Ballade ‚Die Heinzelmännchen zu Cölln’**. Später versuchten die Berliner kurzfristig, die Wichtel für sich zu annektieren, aber da es den Nachweis der Geschichte schon bei Ernst Weyden gab, konnte das nicht belegt werden. Einziger Hinweis war, dass Kopisch die Schreibweise ‚Cölln’ wie im Berliner Stadtteil gebrauchte. Aber es gab zu dieser Zeit noch keine verbindliche Schreibung, und Kopisch wohnte in Berlin in genau diesem Stadtteil, wie es heißt.

Den Kölnern gefiel die Idee von der goldenen Zeit der Heinzelmännchen so gut, dass der Kölner Verschönerungsverein 1899 den Heinzelmännchen-Brunnen zu Ehren des hundertsten Geburtstages von August Kopisch stiftete. Die Bildhauer Edmund und Heinrich Renard bekamen den Auftrag. Etwas Außergewöhnliches für Vater und Sohn, die sich ansonsten nur religiösen Kunstwerken widmeten.

Der Märchenbrunnen ist heute eine Touristenattraktion. Vertreten sind, genau wie in der Ballade genannt, der Zimmermann und der Bäcker, der Fleischer und der Küfer und auf der Rückseite selbstverständlich auch der schlafende Schneider. In zehn Reliefs sind die schlafenden Handwerker und die werkelnden Zwerge festgehalten. Der echte Kölner entdeckt so manchen Spaß auf ihnen. So hat der Zimmermann einen großen Bierkrug in der Hand, während unmittelbar hinter dem Brunnen sich die älteste Brauerei Kölns befindet. Kölsch wird aber aus kleinen schlanken Gläsern getrunken, weil es sehr kohlensäurearm ist. Und auch der Küfer wird im Gedicht gut beschrieben: „… und gossen und panschten – und mengten und manschten.“ In der Tat wurde damals in Köln auch Wein gekeltert. Aber der war nun wirklich ziemlich sauer, und so wurde ihm so einiges beigemengt, was auch nicht dazu beitrug, dass er besser wurde.

In der Mitte aber steht hoch über allem die am meisten gehasste Frau Kölns, die neugierige Schneidersfrau. Während die Herren der Schöpfung sich dem Schlaf hingeben und die kleinen Wichtel die Arbeit verrichten, hat sie Erbsen ausgestreut und die fleißigen Männlein zu Fall gebracht, um sie einmal sehen zu können. Böse blicken die kleinen Kerle zu ihr auf. Danach wurden sie nie wieder gesehen, und die Kölner mussten ihre Arbeit wieder selbst verrichten.

Hier weicht die Geschichte übrigens vom Grimmschen Märchen ab. Bei den ‚Wichtelmännern’ hat die Schneidersfrau ein gütiges Herz und näht den kleinen Nackedeis aus Dankbarkeit für ihre Hilfe Kleidung. Der Effekt ist allerdings der gleiche: Die Wichtel kommen nicht wieder.

Unter der Treppe in der Mitte ist eine große Brunnenschale angebracht. Umgeben ist das Arrangement mit einer bunten Blumenbeetanlage, um die ein zum Ensemble passender Gartenzaun gespannt ist. Wer also den Dom in Köln besucht, sollte auch einen Abstecher über den Roncalliplatz*** im Süden zum Heinzelmännchen-Brunnen machen und bei schönen Wetter ein frisch gezapftes Kölsch genießen.

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (Photos)

Informationen: www.cologneweb.com

*Die Wichtelmänner
Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, dass ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den nächsten Morgen in Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein.
Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten: Sie waren so sauber gearbeitet, dass kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte.
Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln.
Er schnitt sie abends zu und wollte den nächsten Morgen mit frischem Mut an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufstand, waren sie schon fertig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, dass er Leder zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand frühmorgens auch die vier Paar fertig; und so ging’s immerfort, was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also dass er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward.
Nun geschah es eines Abends, nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte, dass er vorm Schlafengehen zu seiner Frau sprach: „Wie wär’s, wenn wir diese Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns solche hilfreiche Hand leistet?“
Die Frau war’s zufrieden und steckte ein Licht an; darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren, und gaben Acht.
Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine, niedliche nackte Männlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und fingen an, mit ihren Fingerchen so behände und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfen, dass der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.
Am andern Morgen sprach die Frau: „Die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müssten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.“ Der Mann sprach: „Das bin ich wohl zufrieden.“ Und abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen, wie sich die Männlein dazu anstellen würden.
Um Mitternacht kamen sie heran gesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeugten sie eine gewaltige Freude. Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen Kleider am Leib und sangen: „Sind wir nicht Knaben glatt und fein? Was sollen wir länger Schuster sein?“ Dann hüpften und tanzten sie und sprangen über Stühle und Bänke. Endlich tanzten sie zur Tür hinaus.
Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber ging es wohl, solang er lebte, und es glückte ihm alles, was er unternahm.

**Die Heinzelmännchen zu Köln
Wie war zu Köln es doch vordem
mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn war man faul, man legte sich
hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht,
ehe man´s gedacht,
die Männlein und schwärmten
und klappten und lärmten
und rupften und zupften
und hüpften und trabten
und putzten und schabten,
und eh´ ein Faulpelz noch erwacht,
war all sein Tagewerk – bereits gemacht!
Die Zimmerleute streckten sich
hin auf die Spän´ und reckten sich.
Indessen kam die Geisterschar
und sah, was da zu zimmern war,
nahm Meißel und Beil
und die Säg´ in Eil´,
sie sägten und stachen
und hieben und brachen,
berappten und kappten,
visierten wie Falken
und setzten die Balken.
Eh´ sich´s der Zimmermann versah –
klapp, stand das ganze Haus –
schon fertig da!
Beim Bäckermeister war nicht Not,
die Heinzelmännchen backten Brot.
Die faulen Burschen legten sich,
die Heinzelmännchen regten sich
und ächzten daher
mit den Säcken schwer
und kneteten tüchtig
und wogen es richtig
und hoben und schoben
und fegten und backten
und klopften und hackten.
Die Burschen schnarchten noch im Chor:
da rückte schon das Brot, das neue, vor!
Beim Fleischer ging es just so zu:
Gesell´ und Bursche lag in Ruh´;
indessen kamen die Männlein her
und hackten das Schwein
die Kreuz und Quer.
Das ging so geschwind
wie die Mühl´ im Wind.
Die klappten mit Beilen,
die schnitzten an Speilen,
die spülten, die wühlten
und mengten und mischten
und stopften und wischten.
Tat der Gesell´ die Augen auf –
wapp, hing die Wurst schon da
zum Ausverkauf!
Beim Schenken war es so: Es trank
der Küfer, bis er niedersank;
am hohlen Fasse schlief er ein,
die Männlein sorgten um den Wein
und schwefelten fein
alle Fässer ein
und rollten und hoben
mit Winden und Kloben
und schwenkten und sengten
und gossen und panschten
und mengten und manschten.
Und eh´ der Küfer noch erwacht,
war schon der Wein geschönt
und fein gemacht!
Einst hatt´ ein Schneider große Pein:
der Staatsrock sollte fertig sein;
warf hin das Zeug und legte sich
hin auf das Ohr und pflegte sich.
Da schlüpften sie frisch
in den Schneidertisch
und schnitten und rückten
und nähten und stickten
und fassten und passten
und strichen und guckten
und zupften und ruckten.
Und eh´ mein Schneiderlein erwacht,
war Bürgermeisters Rock –
bereits gemacht!
Neugierig war des Schneiders Weib
und macht sich diesen Zeitvertreib:
streut Erbsen hin die andre Nacht.
Die Heinzelmännchen kommen sacht:
eins fährt nun aus,
schlägt hin im Haus,
die gleiten von Stufen,
die plumpsen in Kufen,
die fallen mit Schallen,
die lärmen und schreien
und vermaledeien.
Sie springt hinunter auf den Schall
mit Licht – husch, husch, husch, husch –
verschwinden all´.
Oh weh, nun sind sie alle fort,
und keines ist mehr hier am Ort:
man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,
man muss nun alles selber tun.
Ein jeder muss fein
selbst fleißig sein
und kratzen und schaben
und rennen und traben
und schniegeln und bügeln
und klopfen und hacken
und kochen und backen.
Ach, dass es noch wie damals wär´!
Doch kommt die schöne Zeit
nicht wieder her.

***Roncalliplatz
Der Platz heißt nach dem in Köln besonders populären Papst Johannes XXIII, mit bürgerlichem Namen Angelo Giuseppe Roncalli.

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